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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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KRIEG UND DIPLOMATIE

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des Friedens um jeden Preis! Daß es die höchste Aufgahe der Diplomatiesein muß, den Staat so zu führen, daß er eventuell unter möglichst gün-stigen Vorbedingungen in einen Krieg eintreten könne, war völlig ver-gessen. Und doch stand dieser Krieg seit Jahren fast greifbar deutlich vorder Tür. Wir wollten ihn nicht haben, wir wollten ihn nicht vor-bereiten, wir wollten ihn nur verhindern. Daß die Weltentwickluug einerneuen Phase zustrebte, daß das Gewitter des europäischen Krieges sich ent-laden mußte, wurde nicht erkannt. Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß80 schwere Schläge wie das Versagen Rumäniens und Italiens uns unvor-bereitet treffen konnten. Ich bin der Uberzeugung, daß der Krieg schonjetzt siegreich für uns erledigt sein würde, wenn es gelungen wäre, diesebeiden Staaten an unserer Seite zu erhalten. Daß dies nicht geschehen ist,wird die Geschichte einst als schwersten Fehler verurteilen. Auch über dieseDinge haben wir früher öfter gesprochen. Sie lebten lebendig in Ihnen,Durchlaucht, und die Befürchtung, daß die für das Deutsche Reich von soüberragender Bedeutung wichtigen Ziele vergessen werden könnten, war es,die mir das Herz schwer machten, als Sie schieden. Wenn es Gottes Willeist, daß wir trotzdem siegreich aus diesem Riesenkampf hervorgehen, sowird es vor allem auf eins ankommen: Die ethischen Kräfte, die er inunserem Volk hat aufleben lassen, der hohe Idealismus, der es durch alleVolksschichten hindurch erfüllt, die herrliche Einheit der Nation, dieKlassen- und Parteiunterschiede ausgelöscht hat, das alles sind geistigeGüter höchster Art. Das brennende Feuer des Schmerzes hat in der Volks-seele das Gold höchster idealer Gesinnung herausgeschmolzen, es hat sievon dem materiellen Zug abgewendet, der in den Jahren des Wohllebensund Gedeihens diese Volksseele zu ersticken drohte und der parteiischenHader, Zwietracht und Neid in die Massen trug. Hier ist durch den Kriegein Schatz aus den Tiefen des Volkes gehoben worden von allergrößtemWert und Bedeutung. Wenn der höchste Wille, der die Geschicke derMenschheit leitet, es gut mit uns meint, so gebe er uns Männer, die nichtnur mit materiellen Ergebnissen des Friedens rechnen, sondern die es ver-stehen, dem Deutschtum das geistige Gut zu erhalten, das der Krieg ihmgegeben hat. Das ist mein heißer Wunsch und zugleich meine Besorgnis.Der Staatsmann, der es jetzt nicht versteht, in die Tiefe unserer Volksseelezu blicken, ihren lebendigen Odem zu spüren, wird das Volk nicht der Be-stimmung entgegeuführen, die ihm vorgezeichnet ist. Sie wissen, Durch-laucht, wie sehr ich Sie verehre, aber nicht nur diesem Empfinden ent-springt mein sehnlicher Wunsch, daß Sie es sein mögen, der diese Aufgabezu lösen berufen ist. Ich weiß, daß Sie Verständnis für die hier angeregtenFragen haben. Sie haben schon einmal an den Idealismus unseres Volkesappelliert, und Sie haben den Erfolg unserer damaligen schwierigen Ver-