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DER UNTERTON
Volk, dem einzelnen Mann, je weniger überlegener Führung schließlich zu-geschrieben werden müßte, je größer werden die Forderungen der Demo-kratie nach dem Kriege sein. Wenn man hier Herren der Regierungspricht, ist man entsetzt über die Unkenntnis aller Vorgänge im Volk."Der damals noch auf dem rechten Flügel der konservativen Partei stehendePublizist Herbert von Berger schrieb mir: „Hoffentlich erlebt die heutegeborene Generation eine Zeit, in der von der Jugend des preußischenAdels Kopf und Herz und nicht nur das Blut in der Stunde der Not genutztwird. Mit den wenigen verwundeten Gardeoffizieren, die hier sind, etwaachtzig Prozent sind ja gefallen, bin ich oft zusammen, sie meinen, dasstolze Vorrecht, vor dem Feinde zu sterben, dies Vorrecht des Adels wäreihm reichlicher zugeschoben worden, als notwendig gewesen ist. Ganze Ge-schlechter sind ja vernichtet. Und bitter fragte mich neulich ein Verstüm-melter, ein höherer Offizier, ob vielleicht aus politischen Gründen eine Aus-rottimg des preußischen Militär- und Beamten-Adels beabsichtigt sei. Ichmußte dabei unwillkürlich an das geistreiche Wort eines bekannten Histo-rikers denken, daß Rom zu Grunde gehen mußte, weil seine Aristokratieuntergegangen war. Es ist überhaupt eigenartig, wie diese Zeit, die dasGrößte und Beste im Deutschen wieder zu Ehre und zur Geltung bringt,einen trüben, ja verdrießlichen Unterton in den wertvollsten Kreisen hat.Es ist da doch der Mangel an Führung und Führern von Charakter undKraft zu empfinden. Der eine Hindenburg kann schließlich nicht für alleaufkommen. Und endlich scheint man an den maßgebenden Stellen besorgtzu sein, keinen derer in den Vordergrund zu lassen, die Staatsmann undnicht nur Beamter sein können. Nach Euer Durchlaucht fragen Politikerim Offiziersrock und im Bürgergewand. Es gibt nicht einen nachdenklichenund politisch einigermaßen urteilsfähigen Deutschen, der nicht weiß, daßder gegenwärtige Kanzler bei Friedensschluß versagen wird, wie er beiKriegsausbruch versagt hat. Und doch steht dieser Mann fest, nur weil erein bequemer Diener ist. Darf man sich wundern, Avenn in einem Volk, daswillig und gern so Ungeheures leistet, allmählich die Frage laut wird, ob esnicht an der Zeit sei, in Erwägung tief einschneidender, verfassungsrecht-licher Änderungen einzutreten, das Ministerernennungsrecht auf einebreitere Basis zu stellen als den monarchischen Willen. Es ist eben nichtzu leugnen: schwache und gedankenarme Minister wie Bethmann undJagow sind nicht nur eine Gefahr für das Land nach außen, sondern auchfür seine Verfassung im Innern."
Im Gegensatz zu solchen warnenden und ernsten Stimmen patriotischer
Brief des g esor „ n £ g gc^jgj, m j r aus ,j em Schloß Bellevue der diensttuende General-Generai- °
adjutanten adjutant von Chelius über die Allerhöchste Stimmung: „Der Kaiser will
v. Chelius noch immer nicht glauben, daß man in Italien Ernst mache gegen Öster-