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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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FATTE PRESTO"

Frankreich , wie sie für die deutschen Truppen in China gegolten und derWahrheit entsprochen hatten. Aber unsere Nichtachtung des Vertrags-und Völkerrechts gegenüber Belgien , noch verschärft durch die plumpeBethmannsche Rede vom 4. August 1914 und durch seine tölpelhafteWendung, daß völkerrechtliche Verträge nur Papierfetzen bedeuteten,hatte uns überall, auch in Italien , unermeßlichen Schaden zugefügt. Eswurde den belgischen Sendboten, unter denen sich gleichzeitig einer dereloquentesten Führer der Sozialisten und ein berühmter Kanzelredner,Pater Jansens 0. S. B., durch ihre Redegabe hervortaten, nicht schwer,Mitleid für dasÜberfallene" Belgien und damit Zweifel an der Gerechtig-keit der deutschen Sache zu wecken.

Als ich vom König Viktor Emanuel III. zur Überreichung meinerAudiens bei Krcditive empfangen wurde, begrüßte er mich mit den Worten: ,,Si vousKönig und gtiez reste au pouvoir, toutes ces betises ne seraient pas arrivees." Im^Af S « n " we,tcren Verlauf der Audienz setzte mir der König mit Ruhe und in reinsachlichem Ton auseinander, daß, nachdem Italien mit der Ultimatums-Aktion überrumpelt worden sei, es für jede italienische Regierung un-möglich gewesen wäre, an der Seite der Zentralmächte in den Krieg zutreten. Überdies hätte Deutschland von sich aus Frankreich wie Rußland den Krieg erklärt, nachdem es schon durch sein Gewährenlassen derösterreichischen Aktion den Geist des Bündnisvertrages verletzt hätte. Erwisse wohl, daß von deutscher Seite hierbei keine Perfidie vorgelegen habe.Das hätte auch der bisherige italienische Botschafter in Berlin, HerrBollati, immer wieder hervorgehoben. Aber in der Politik wirke Un-geschicklichkeit oft noch schädlicher als Bosheit. Der König sprachhöflicherweise nicht vonmaladresse", sondern nur von einemcertainmanque d'habilete". Jetzt komme es darauf an, daß Österreich die nötigenKonzessionen bald mache.Fatte presto."

Am nächstfolgenden Tage wurde ich mit meiner Frau von der Königin-Mutter Margherita empfangen. Vor dem Kriege hatten wir, meine Frauund ich, als Privatleute oft ihre Gastfreundschaft genossen, in ihremschönen römischen Palais wie in ihrem Schloß Stupinigi bei Turin. Sie Hebteernste Gespräche. Vor dem Weltkrieg war sie, die Tochter einer deutschenMutter, einer Prinzessin von Sachsen, einer Schwester der Könige Albertund Georg von Sachsen, ebenso deutschfreundlich wie ihr ritterlicherGemahl, der König Humbert. Sie sprach und schrieb Deutsch wie eineDeutsche. Aber die Ultimatumsaktion, die Bethmannschen rednerischenEntgleisungen und die Invasion von Belgien hatten nach dem, was ichgehört hatte, ihr sehr mißfallen. Als ich in Rom eintraf, war ihr von altenDienern ihres Hauses längst gesagt worden, daß sie sich vor allem nichtin Widerspruch zu den italienischen nationalen Aspirationen setzen dürfe.