„UNANNEHMBAR"
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Symptom hierfür bot der Brief, den Herr von Bethmann Hollweg am Bethmann16. März 1915 an mich unter Bezugnahme auf einen Bericht des Militär- an Bühnvattaches von Schweinitz richtete, dessen freimütige und klare Art ihm aufdie Nerven gegangen zu sein schien. Er schrieb mir: „Im Begriff, Ihnen zuschreiben, erhalte ich Ihr interessantes Telegramm über Ihre Unterredungmit Herrn Sonnino. Leider scheint die Haltung der italienischen Regierungden Befürchtungen bis zu einem gewissen Grade recht zu geben, die vonösterreichischer Seite immer wieder geäußert worden sind, nämlich daß einEingehen auf die italienischen Wünsche immer steigende ForderungenItaliens zur Folge haben werde. Das Verlangen der sofortigen Mise en effetdes Abtretungsvertrages ist natürlich für Österreich-Ungarn und auch füruns — ich betone dies ausdrücklich — unannehmbar. Es gibt auch fürdie Konzessionen, die wir der in der Geschichte wold ohne Beispiel da-stehenden Erpressungspolitik Italiens machen können, eine Grenze, dienicht ohne schwerste Beeinträchtigung der nationalen Würde und desinternationalen Ansehens der beiden im siegreichen Kampfe stehendenverbündeten Kaisermächte überschritten werden kann. Ich bin mir bewußt,daß Eure Durchlaucht diesen Standpunkt vollkommen teilen, und ich weiß,daß Sie Ihre ganze Tatkraft und Ihre durch mehr als ein Menschenalterbewährte diplomatische Geschicklichkeit daran setzen, um die italienischeRegierung zu einem Verzicht auf ihre Forderungen zu bringen, ohne den,wie ich nicht verkenne, der Anschluß Italiens an unsere Gegner un-vermeidlich werden würde. Von hier ist alles Menschenmögliche geschehen,um das Wiener Kabinett dazu zu bringen, den ursprünglich in der Trentino- Frage angenommenen und mit großer Zähigkeit festgehaltenen intransi-genten Standpunkt aufzugeben. Der schließlich erzielte Erfolg beweist dieRichtigkeit und die Zweckmäßigkeit des dabei beobachteten Vorgehens.Wenn der Erfolg nicht so schnell eintrat, als das im Hinblick auf die po-litische Gesamtlage wohl wünschenswert gewesen wäre, so sind Ihnen dieGründe dafür bekannt. Sie lagen in dem bekannten österreichisch-itaheni-schen Gegensatz, der ein Opfer an Italien dem österreichischen Stolz undHochmut besonders schwer und schmerzlich macht. Es lag an der gänzlichverkehrten und irreführenden Berichterstattung des österreichisch-ungarischen Botschafters in Rom, es lag schließlich an den zu hoch ge-spannten Erwartungen, die an die militärischen Erfolge der verbündetenArmeen im Osten geknüpft wurden. Bei dieser Lage der Dinge muß es michum so mehr befremden, daß der Militärattache der Botschaft, Major vonSchweinitz, in seiner Berichterstattung über diese Frage eine Kritik ander Wien gegenüber befolgten Politik zum Ausdruck bringt, über derenKompetenz und guten Geschmack ich mich eines Urteils enthalte, die aberdurch Wendungen wie ,mit etwas mehr Energie' oder ,Berlin est faible'