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BETHMANN BEFREMDET
gekennzeichnet wird. Die Sprache des Majors von Schweinitz findet javielleicht eine Erklärung in seiner geringen Vertrautheit mit politischenDingen und dem sich daraus ergebenden fehlenden Augenmaß für das mitMitteln diplomatischen Drucks Erreichbare. Wir sind in Wien mit unsererSprache bis an die Grenze dessen gegangen, was bei einem Bundesgenossenzulässig war, den Drohungen schließlich nur dazu gebracht haben würden,die Flinte ins Korn zu werfen und uns den Kampf mit unseren Gegnernallein zu überlassen. Ich habe persönlich in Teschen auf jede Weise aufBaron Burian einzuwirken gesucht, aber meinen Bemühungen konntedamals ein Erfolg um so weniger beschieden sein, als der Standpunkt desMinisters von dem anwesenden Chef des österreichisch-ungarischenGeneralstabes nachdrücklich unterstützt wurde, trotzdem er mit seinemdeutschen Kollegen der Ansicht Ausdruck gab, daß ein Eingreifen Italiens und Rumäniens auf der Seite unserer Gegner mit dem Verlust des ganzenKrieges für uns gleichbedeutend sein würde. Das scheint auch Herr vonSchweinitz zu übersehen, dem Eure Durchlaucht anscheinend von demVerlauf der Teschener Besprechung Kenntnis gegeben haben, wenn erunter Hinweis auf die Stellungnahme der beiden Generalstabschefs BaronBurian in einem seiner Berichte als unseren größten Feind bezeichnet.Gerade an dem Vorgehen Italiens hat Herr von Schweinitz ein mit Händenzu greifendes Beispiel vor Augen, welche Grenzen der diplomatischen Kunstgezogen sind, wenn sie sich nicht auf den realen Hintergrund verfügbarermilitärischer Macht zu stützen vermag. Ich hoffe, daß er in Zukunftseine Aufgabe vornehmlich darin erblicken wird, neben Wahrnehmungseiner rein militärischen Obliegenheiten die politische Aktion EurerDurchlaucht an Ort und Stelle durch Einwirkung auf die militärischen undgesellschaftb'chen Kreise, mit denen er in Berührung kommt, nachdrücklichzu unterstützen. In alter Verehrung bin ich mit den herzlichsten GrüßenIhr treu ergebener Bethmann Hollweg."
Herr von Bethmann Hollweg fühlte offenbar nicht, welche Verurteilungseiner mit dem Ultimatum an Serbien eingeleiteten Politik darin lag, daßer der Besorgnis Ausdruck geben mußte, Österreich könne im Falle eineszu weit gehenden deutschen Druckes sich bewogen fühlen, „die Flinte insKorn zu werfen" und „uns den Kampf mit unseren Gegnern allein zuüberlassen", diesen fürchterlichen Kampf, in den er uns doch nur wegenÖsterreich geführt hatte. Und wenn der deutsche und der österreich-ungarische Generalstabschef übereinstimmend erklärten, ein EingriffItaliens und Rumäniens auf der Seite unserer Gegner würde für uns mitdem Verlust des ganzen Krieges gleichbedeutend sein, so war es die ver-dammte Pflicht und Schuldigkeit des deutschen Kanzlers, einer solchenEventualität mit allen Mitteln und um jeden Preis vorzubeugen.