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Ende März erschien unvermutet Flotow aus Neapel in Rom . Er stiegim Palazzo Caffarelli ab, wo er sich meine Berichte vorlegen Ließ und sich v. Flotow auf Grund dieser Berichte Notizen machte, selbstverständlich zu dem in Rom Zweck, meine Ausführungen, Ratschläge und Forderungen in seiner Privat-korrespondenz mit dem Staatssekretär von Jagow kritisieren und zer-pflücken zu können. Er stattete auch dem österreichischen Botschafter,Herrn von Macchio, zwei längere Besuche ab und setzte diesem, wie ichbald nachher von Herren der Botschaft, die mit ihren österreichischenKollegen auf gutem Fuß standen, erfuhr, mit Nachdruck auseinander, daßdie italienische Regierung gar nicht den Mut finden würde, dem mächtigenÖsterreich-Ungarn den Krieg zu erklären. Was Sonnino und Salandrasagten, sei „Spiegelfechterei", die Sprache der italienischen Blätter„Theaterdonner". Herr von Flotow deutete dem k. und k. Botschafterauch an, daß dessen Regierung und insbesondere Seine Kaiserliche undKönigliche Apostolische Majestät es ihm nie verzeihen würden, wenn erbei der Abtretung des Trentino an Italien sich beteilige oder auch nur dazurate. Mich suchte Herr von Flotow während seines zehntägigen Auf-enthaltes in Rom überhaupt nicht auf, sondern begnügte sich damit,überaß anzudeuten, daß ich in dem, was ich sagte und täte, gar nichtmeine Regierung hinter mir hätte.
Ex post finde ich, daß ich einen Fehler beging, als ich gegenüber solchenunqualifizierbaren Treibereien nicht telegraphisch meinen Abschied inBerlin einreichte. Jedenfalls wundere ich mich heute über meine damaligeLangmut. Durch meinen verewigten Vater und in der BismarckschenSchule zu unbedingter Pflichterfüllung gegenüber dem Lande unterZurückstellung aller persönlichen Empfindungen erzogen, wollte ich, nach-dem ich so lange an der Spitze des diplomatischen Dienstes gestandenhatte, auch bei dieser meiner letzten Mission ein Vorbild unbeirrbarerPflichttreue geben. Ich sah aber die Folgen der Flotow-Jagowschen Hal-tung voraus und richtete vertraulich ein Zirkular an die kaiserlichenKonsulate, durch das ich die in Italien lebenden Reichsangehörigen auf-fordern Heß, sich auf die Eventualität eines Krieges zwischen Italien undden Zentralmächten einzurichten. Vierzehn Tage später wiederholte ichdiese eindringliche Warnung.
Ende April fühlte ich in meinen Gesprächen mit dem Minister Sonnino,daß er den Rubikon überschritten hatte. Ich konnte dafür keinenBeweis erbringen, aber ich hörte es seinen Worten an, ich las es in seinenAugen. Ich gedachte aber des alten Bülowschen Wahlspruches: „Nildesperandum", ich erinnerte mich an das schöne Wort des französischenSeehelden Jean Bart, das auf dessen Denkmal in Dünkirchen steht: Solange noch eine Kugel im Laufe wäre, müsse diese abgefeuert werden. Ich