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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN LETZTER APPELL

nötigte am 9. Mai den k. und k. Botschafter, Baron Macchio , in einerUnterredung, zu der ich ihn in die Villa Malta einlud, in meiner Gegenwartund unter meinem Diktat eine Erklärung zu redigieren, die der italienischen Begierung noch am gleichen Tage auf vertraulichem Wege zugeleitet wurdeund die besagte, Österreich-Ungarn sei bereit, den von Italienern be-wohnten Teil Tirols abzutreten, ebenso Gradisca und das westliche Uferdes Isonzo, so weit die Bevölkerung rein italienisch sei; Triest solle zurKaiserlichen Freien Stadt gemacht werden mit italienischer Universitätund italienischer Munizipalität. Österreich anerkenne die italienischeSouveränität über Valona und erkläre seine eigene politische Uninter-essiertheit hinsichtlich Albaniens .

Es hatte für mich einer starken Pression bedurft, um den ängstlichenItalien Macchio endlich zu einem Schritt zu bewegen, der noch im Januar, als daskündigt denParecchio" Giolittis die Situation beherrschte, die gewünschte WirkungDreibund- g enaD t hätte. Aber das bekannte Wort des großen Napoleon, daß Österreich Vertrag gtetg £ m^gtande wäre und daß dort allestrop tard" erfolge, trafwieder einmal zu. Die italienische Begierung hatte sich der Entente gegen-über bereits am 24. April 1915 im geheimen gebunden. Sie hatte acht Tagespäter durch Note vom 3. Mai den Dreibund-Vertrag öffentlich gekündigt.Der Eindruck der österreichischen Anerbietungen auf die breite Masse desitalienischen Volkes war nicht unbeträchtlich, aber doch nicht mehr starkgenug, um eine wirkliche Volksbewegung hervorzurufen, zumal die Kriegs-partei mit jedem Tage ihre Anstrengungen verdoppelte und nun auch dieStraße mobil machte. Es kam hinzu, daß Macchio, nachdem er sich, vonmir eingeschüchtert und nur unter meinem persönlichen Druck, zurVeröffentlichung der genannten österreichischen Konzessionen herbei-gelassen hatte, seine Nachgiebigkeit bereute, seinen Schritt als ein Miß-verständnis hinstellte und insbesondere betonte, das Einverständnis seinerBegierung habe nicht vorgelegen und sei auch inzwischen nicht erfolgt. Dieganze Trentino -Frage würde definitiv erst in dem künftigen Friedensvertraggeregelt werden. Die Sekretäre der beiden österreichischen Botschaftensprachen sich im gleichen Sinne aus, wo immer sich ihnen Gelegenheit bot,ihre Weisheit leuchten zu lassen.

Aus Berlin erhielt ich die Weisung, eine nochmalige Audienz bei KönigViktor Emanuel nachzusuchen, um ihm ein Schreiben Kaiser Wilhelms II. zu überreichen, in welchem ein letzter Appell an seine Bundestreue und seinepersönliche Freundschaft gerichtet wurde. Ich erbat und erhielt sogleichdiese Audienz. Der König empfing mich in freundlicher Weise. Er war inruhiger, aber offenbar ganz entschlossener Stimmung. Es unterlag keinemZweifel, daß er die Schiffe hinter sich verbrannt hatte. Er meinte, es gebeSituationen, wo ein konstitutioneller Monarch nicht gegen die wohl-