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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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UNRUHVOLLE TAGE

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erwogene Meinung seiner Minister handeln könne, wenn diese nicht nurdie Mehrheit im Parlament, sondern auch, wie sie überzeugt wären, dieöffentliche Meinung, die Tradition und die höchsten Interessen des Landesauf ihrer Seite hätten. Der König dankte mir für die loyale Art und Weise,wie ich meine Mission erfüllt hätte.An Ihnen Hegt es jedenfalls nicht, wennes doch zum Kriege kommt."

Inzwischen wollte der österreichische Botschafter, Baron Macchio , nochimmer nicht an die Möglichkeit eines Krieges glauben. Als ich ihm in derersten Maiwoche sagte, die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn werde zweifellos innerhalb der nächsten vierzehn Tage erfolgen, meinte er:Ach, die Italiener sind halt immer so aufgeregt! Sie werden sich schonwieder beruhigen."

Das Berliner Auswärtige Amt war nicht weniger blind. Wenige Tagevor der Kriegserklärung Itafiens an Österreich-Ungarn wurden mir vomAmt zu meiner Orientierung und Direktive die Reiseeindrücke einesangeblich besonders scharfsinnigen und intelligenten deutschen Rei-senden übersandt, der auf seiner ganzen Fahrt von der italienisch-öster-reichischen Grenze bis nach Neapel nirgends ernsthafte Symptome fürkriegerische Absichten der Italiener wahrgenommen haben wollte. Eswaren dies die unruhvollen Tage, in denen von früh bis spät große Pferde-und Mannschaftstransporte die Straßen der italienischen Städte durch-zogen und in der Hauptstadt ein so reges militärisches Leben herrschte, wiees dem Ausmarsch bei großen Manövern oder einer Mobilmachung voraus-zugehen pflegt.

Drei Tage vor der italienischen Kriegserklärung an Österreich frug einhöherer Beamter im Wiener Ministerium des Äußern, Graf Nemes, der Vor dersoeben aus Wien in Rom angekommen war, telephonisch bei mir an, wann Kriegs-ei mir seine Aufwartung machen könnte. Ich lud ihn zum Frühstück ein. er ^ ärunGraf Nemes begrüßte mich mit der Bemerkung, er sei sehr perplex. Derösterreichische Minister des Äußern, Graf Burian , habe ihn beauftragt, mirseine angelegentlichen Empfehlungen zu übermitteln und mir gleichzeitigseinen Wunsch auszusprechen, ich möge das Opfer bringen, den Sommerüber in Rom zu bleiben, um meineverdienstvolle Friedensarbeit" weiterfortzusetzen. Der Minister zweifle nicht daran, daß es meinerbewun-derungswürdigen Dialektik" gelingen würde, die Italiener nach und nachganz zu beruhigen. Dies sei die Wiener Auffassung, betonte Graf Nemes.In Rom sei die Stimmung aber offenbar eine andere. Graf Nemes war beiseiner italienischen Schwiegermutter, der Gräfin Gabriele Spaletti, in derenrömischem Villino abgestiegen. Sie hatte ihn unter Tränen umarmt und ihngefragt, was er eigentlich in Rom wolle, der Krieg stünde ja unmittelbarvor der Tür, unter dem sie, als Italienerin und gleichzeitig Mutter einer mit