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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DAS SCHULDKONTO

nicht auf die Grenze, die unseren Druckmitteln auf Wien gezogen war, nach-dem Österreich bedeutende Truppenmassen unter Preisgabe Ostgalizienszum Schutze Schlesiens abgezweigt hatte, nicht auf den Starrsinn derÖsterreich -ungarischen Minister, die bis in die letzten Tage der Krisis allenunseren Vorstellungen die mit Eurer Durchlaucht Meldungen unverein-baren Berichte ihrer römischen Vertreter entgegenhalten konnten, nicht aufdie schroff ablehnende Haltung Kaiser Franz Josefs, der sich den Briefenund Missionen unseres Allergnädigsten Herrn und selbst dem persönlichstenEinfluß des Papstes unzugänglich erwies. So ist Berlin jetzt verurteilt, aufalle Vorwürfe, die ihm gemacht werden, zu schweigen, bis eine spätere Zeitdas Sprechen gestatten wird. Die Schädigungen aber, die der moralischenWiderstandskraft Deutschlands zugefügt werden, wenn sich Kreise bilden,die den italienischen Krieg auf mein und meiner Mitarbeiter Schuldkontosetzen, wachsen sich zu einer Erschütterung aus, wenn die Kritik, den ein-mal eingeschlagenen Weg verfolgend, mit der gleichen Tendenz bis zur Vor-geschichte des Krieges hinaufsteigt. Behauptungen wie die, daß der Krieghätte vermieden oder doch in günstigerer Konstellation hätte ausgefochtenwerden können oder daß er doch nahe an einen Präventivkrieg streife,lassen, wo sie hinfallen, einen Stachel sitzen und schmeicheln sich um sofester bei den weniger Nachdenklichen ein, je mehr sie von den großen ge-schichtliehen Zusammenhängen absehen. Was der weiter zurückliegendenVergangenheit angehört, was mit und ohne unsere Schuld zu der großenKoalition gegen uns führte, was bei fortschreitendem Niedergang Öster-reichs und stetiger Erstarkung der Entente die Kräfte Deutschlands immerbedrohlicher isolierte, was uns seit dem Jahre 1905 in der Marokko -Frage,später in der bosnisch -herzegowinischen Krisis, dann wiederum in derMarokko -Frage zu einer Politik äußersten Bisikos, und zwar eines sich mitjeder Wiederholung steigernden Bisikos, zwang alle diese Vorgänge gehenin den gewaltigen Eindrücken der Gegenwart unter, bis die Zeit nach demFrieden allmählich die Ursachen eines Weltverhängnisses klarer erkennenlassen wird, das viel zu gewaltig ist, als daß es singuläre Ereignisse zumUrsprung haben könnte. Daß ich Dinge ausspreche, die Eure Durchlauchtmit Ihren weiten poütisch-historischen Kenntnissen noch klarer und rich-tiger durchschauen, als ich es vermag, geschieht aus der vaterländischenSorge, die mir durch mancherlei auch ernste politische Kreise beherr-schende Gespräche erweckt wird. Aus der Macht, die Eure Durchlaucht mitIhrer Person und Ihrem Wort auf die Menschen ausüben, wissen Sie zugenau, wie das Empfinden und Denken des Volkes und der Öffentlichkeitgeleitet und gelenkt werden kann. Um so mehr werden Eure Durchlaucht,wie ich hoffe, meine Bitte würdigen, mit dahin zu wirken, daß nicht durchdie Vorwegnahme einer Kritik, die jetzt noch nicht offen und frei,