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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE UNGEBROCHENE FRONTSTELLUNG

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von Potsdam, Ihrer Reise nach Rußland, dem Kongo-Vertrag mit Frank-reich und den projektierten Abmachungen mit England ihren Ausdruckfänden und günstige Aspekte für die Zukunft eröffneten. Die Ursache desfurchtbaren Krieges, der inzwischen ausgebrochen ist, hegt zum Teil natür-lich weit zurück. Der englisch-deutsche Gegensatz mußte sich verschärfen,seitdem unsere Industrie und unser Handel sich in früher nicht geahnterWeise entfaltet hatten, seitdem wir zur See gegangen waren und namentlichseitdem wir uns eine Flotte bauten. Das deutsch-russische Verhältnis warseit der ersten großen Orientkrisis, die zum Berliner Kongreß und zur Zu-spitzung der Gegensätze zwischen Österreich-Ungarn und Rußland führte,mancher schwierigen Belastungsprobe unterzogen worden, und vollends derdeutsch -französische Gegensatz ließ sich seit dem Frankfurter Frieden undder Annexion von Elsaß-Lothringen nicht mehr aus der Welt bringen. Mitdiesem Schwergewicht belastet, hat die deutsche Politik trotzdem währendlanger Jahre den Frieden zu wahren vermocht. Die Frage, ob es not-wendig war, mit dieser Politik zu brechen, wird sich schwerlich für immerausschalten lassen. Ich stimme mit Ihnen aber ganz darin überein, daßgegenwärtig unser Sinnen und Denken ganz auf den Sieg gerichtet sein mußund auf einen Frieden, würdig so heroischer Anstrengungen und würdig derungeheuren Opfer, die unser Volk mit bewunderungswürdiger Hingebungbringt. Seien Sie versichert, daß hiervon niemand mehr durchdrungen istals ich und daß, so weit für mich die Gelegenheit geboten wird, von meinerSeite alles geschieht, um dieses Ziel zu erreichen."

Auf dieses Schreiben erhielt ich umgehend von Bethmann die nach-stehende Dupb'k:Eurer Durchlaucht Schreiben vom 12. d. Mts., das ich Bcthmannsgestern erhielt und für dessen eingehende Ausführungen ich meinen auf- Duplikrichtigen Dank ausspreche, bestärkt mich in der Gewißheit, daß in dem,was sich mir gegenwärtig als der Kernpunkt darstellt, unsere Ansichtenkaum auseinandergehen. Auch Sie wünschen, wie ich es tue, daß die ein-mütige Hingabe der Nation durch die uns Deutschen so tief im Blutsteckende Neigung zur Kritik nicht in einem Zeitpunkt geschwächt werde,der eine ungebrochene Frontstellung unser aller erfordert, und ich kann nurmeinen wärmsten Dank dafür aussprechen, daß Eure Durchlaucht invollem Einklang mit der Stellung, die Sie seit dem Jahre 1909 im nationalenInteresse unter persönlichen Opfern eingenommen haben, auch Ihrerseitsallen auf dieses Ziel gerichteten Bestrebungen Ihre tätige Unterstützungleihen wollen. Ihr in aufrichtiger Verehrung treu ergebener von BethmannHollweg."

Als ich diesen Briefwechsel mit meinem Nachfolger meinem FreundeAlbert Ballin vertraulich mitteilte, erwiderte mir der kluge Mann:Ich bitteum die Erlaubnis, Eurer Durchlaucht in der Anlage die Briefe zurückreichen