HINDENBURG ERKLÄRT
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wehrten in der Loretto-Schlacht unsere Truppen trotz ihrer weit ge-ringeren Zahl den mit den größten Mitteln unternommenen Durchbruchs-versuch des Marschalls Joffre mit Heldenmut ab. In der Champagne undim Artois blieben alle Vorstöße der Franzosen und Engländer erfolglos.Schwere Sorgen aber erweckte in mir die Haltung des Kanzlers Bethmannin der polnischen Frage. Schon im August 1915 gab er ganz überflüssiger-weise in einer Reichstagsrede der Hoffnung Ausdruck, daß unsere Besetzungder polnischen Grenzen gegen Osten den Beginn einer Entwicklung dar-stellen würde, welche die alten Gegensätze zwischen Deutschen und Polen aus der Welt schaffen und das vom russischen Joch befreite polnische Reicheiner glücklichen Zeit entgegenführen würde, in der es die Eigenart seinesNationallebens pflegen und entwickeln könne. Eine solche Entwicklungerschien Herrn von Bethmann als das vornehmste deutsche Kriegsziel.Diese von ihm eingeleitete „glückliche Entwicklung" hat dahin geführt,daß wir uns an unserer Ostgrenze künstlich einen Todfeind schufen undgroßzogen, der uns weite und reiche, seit über hundert Jahren in deutschemBesitz befindliche Gebietsteile raubte, der die Deutschen ausplündert, miß-handelt und, als Soldknecht Frankreichs , die Hand an unsere Gurgel hält.Ich hörte schon 1915, daß Bethmann seine unvernünftige und unheilvollepolenfreundliche Rede, trotz dem Abraten aller preußischen Minister undden Gegenvorstellungen der Konservativen, der Nationalliberalen undauch einsichtiger Freisinniger und Zentrumsleute, gehalten hatte.
Ihrer üblen Gewohnheit entsprechend, haben sich Bethmann und Jagow,als sich nur zu bald die schlimmen Folgen der Errichtung eines selb- Das selbstäständigen polnischen Reiches herausstellten, bemüht, die Verantwortung dige Polen für ihre kopflose Aktion auf andere, in diesem Falle auf den FeldmarschallHindenburg und seinen Generalstabschef Ludendorff , abzuschieben.Als sich mein langjähriger Freund und Kollege, der Kultusminister Studt,bei dem Feldmarschall brieflich erkundigte, ob an dieser Entschuldigungetwas Wahres wäre, richtete Hindenburg am 24. September 1917 den nach-stehenden Brief an ihn, den ich im Original in der Hand gehabt habe undvon dem ich mir mit Ermächtigung des Staatsministers Studt eine Ab-schrift nahm:
„Wie ich höre, hat man in Berlin das Gerücht verbreitet, die Schaffungdes Königreichs Polen sei auf meinen und Ludendorffs Wunsch hin erfolgt.Ich bitte, diese Unrichtigkeit gütigst bei jeder sich bietenden Gelegenheitzu widerlegen. Das Königreich Polen ist am 12. und 13. August 1916zwischen Bethmann und Burian beschlossen worden. Erst am 29. Augustwurde ich Chef des Generalstabes und erfuhr daher noch einige Zeit späterdie Schaffung dieser Mißgeburt, als Beseler zu einer Besprechung nachPleß herüberkam. Er versprach uns damals bis zum Frühjahr 1917 an