IN POLNISCHEM FAHRWASSER
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Richtig ist, wie ich meinerseits hinzufügen will, daß der von uns ein-gesetzte Generalgouverneur in Warschau , der General von Beseler, sich Beselervon den Polen hat umgarnen und einfangen lassen. Er war polnischerDoppelzüngigkeit und List nicht gewachsen. Aber auch Beseler lenktevöllig erst in das polnische Fahrwasser ein, als er vom ReichskanzlerBethmann in jeder Weise in dieser Richtung bestärkt und ermutigt wurde.Beseler mußte seinen Irrtum erkennen und, wie ich hoffen will, bereuen, als,sobald sich das Schlachtenglück gegen uns wandte, die Polen , die ihn bisdahin umschmeichelt hatten, von heute auf morgen in das Lager derEntente übergingen, mit der sie schon seit langem hinter unserem RückenFühlung genommen hatten. Und wieder einmal behielt Fürst Bismarck recht, der vom ersten bis zum letzten Tage seiner politischen Laufbahn denPolen als den unverbesserlichen, geborenen und gefährlichsten Gegner despreußischen Staats und des Deutschtums bezeichnet hatte.
Ich will übrigens einräumen, daß der arme Bethmann in seinerunsinnigen Polenpolitik von zweien seiner Vertrauten, dem GeheimratRiezler (alias Ruedorffer) und dem Dr. Hans Delbrück bestärkt undimmer weiter vorwärts getrieben wurde. Der Erstgenannte vertrat dieThesis, daß der schlechte Eindruck, den unser völkerrechtswidriger Ein-marsch in Belgien in der Welt hervorgerufen hatte, durch die Wieder-aufrichtung Polens „moralisch" gutgemacht werden könnte. Dr. HansDelbrück habe ich schon mehrfach erwähnen müssen. Am besten hat ihnmeines Erachtens die arme Kaiserin Friedrich charakterisiert. Sie kannteihn wohl, denn er hatte mehrere Jahre als Erzieher ihres jung verstorbenenSohnes, des Prinzen Waldemar, in ihrem Hause geweilt. Es war bei einemMittagessen im Kronprinzenpalais, zu dem auch ich eingeladen war. HansDelbrück , der sehr schlechte Manieren hatte, diskutierte mit krähenderStimme über den Tisch hinweg mit seinem Gegenüber. Dabei stemmte erbeide Ellbogen auf den Tisch, in der einen Hand hielt er sein Messer, in deranderen seine Gabel. Der damalige englische Botschafter in Berlin, LordAmpthill , ein kluger, fein gebildeter Mann mit den besten Formen, sahmißbilligend auf den schlecht erzogenen Hauslehrer. Begütigend sagte dieFrau Kronprinzessin zu ihm mit leiser Stimme: „He is not a bad man, buthe is awfully tactless." (Er ist kein böser Mensch, aber er ist schrecklichtaktlos.) Gefährlicher als die gesellschaftb'che Taktlosigkeit des Dr. HansDelbrück war leider seine politische Direktionslosigkeit, sein Mangelan politischem Feingefühl, politischer Voraussicht und an gesundemMenschenverstand.