EIN KAISERLICHES HANDSCHREIBEN
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Grenze. Ideen setzten sich schließlich durch. Das gelte auch von ver-derblichen und irrigen Ideen wie der marxistischen . Ich stand unter demEindruck, einen Mann von großen Horizonten vor mir zu haben. Und ichbegriff, warum noch jeder Jesuitengeneral auf den Purpur verzichtet hat.Diese Stellung ist interessanter, umfassender und einflußreicher als die dermeisten römischen Kardinäle.
Die Errichtung eines selbständigen Polenreichs, die überdies gerade indiesem Moment die Zerstörung der Aussicht auf einen Sonderfrieden mit Das Friedens-Rußland bedeutete, hat sich bald genug als ein fürchterlicher Fehler heraus- a "g e ^ ot dergestellt. Ich kann ohne Übertreibung sagen: wohl als der größte politische ^* tte teFehler, den je ein deutscher Minister, den irgendein leitender Staatsmannbegangen hat. Unser Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 war in-opportun und ungeschickt. Das Handschreiben Kaiser Wilhelms II. anBethmann vom 31. Oktober 1916, mit dem er den Frieden herbeizuführenhoffte, war nicht schlecht gemeint, aber zu sentimental, zu naiv, beinahekindisch. Das Kindische ist aber in der Politik selten wie im „Don Carlos"des Dichters „göttlich schön". Das Handschreiben des Deutschen Kaisersklang auch, wie so manche Kundgebung Wilhelms II., zu eitel. ,,Zu einersolchen Tat gehört ein Herrscher, der ein Gewissen hat und sich Gott verantwortlich fühlt und ein Herz für seine und die feindlichen Menschen,der unbekümmert um Mißdeutungen den Willen hat, die Welt von ihrenLeiden zu befreien. Ich habe den Mut dazu! Ich will es auf Gott wagen!Legen Sie mir schnell die Noten vor und machen Sie alles bereit." Das warnicht staatsmännisch. Die Freude, die dieses kaiserliche Handschreibenund das am 12. Dezember 1916 erfolgte Friedensangebot der Mittel-mächte in Deutschland hervorriefen, die Harmlosigkeit, mit der selbst inBerlin weitere Kreise das Ende des Krieges gekommen wähnten, zeigteeinerseits unseren Gegnern, daß in dem bisher für entschlossen, für hartund unbeugsam geltenden Deutschland die Kriegsmüdigkeit und damit dieinnere Auflösung schon weiter fortgeschritten war, als sie bis dahin an-genommen hatten; andererseits war eine öffentliche, wehleidige und melo-dramatische Kundgebung nicht der Weg, zu einer Verständigung mitkalten, kühlen und entschlossenen Feinden zu gelangen.
Ich habe schon erwähnt, daß ich seit meiner Entsendung nach Rom imDezember 1914 nur einmal die Ehre gehabt hatte, von Kaiser Wilhelm Bülow imempfangen zu werden. Es war im Spätherbst 1916, daß ich die Aufforderung Neuen Palaiserhielt, den Abend imNeuenPalaisin Potsdam zu verbringen. Ich hattemich jedesmal, wenn ich nach Berlin kam, in der üblichen Weise bei SeinerMajestät gemeldet, wurde aber regelmäßig dahin beschieden, daß wichtigeGeschäfte den Kaiser zu seinem Bedauern verhinderten, mich zu sehen.Gleichzeitig mußte ich besorgten Äußerungen von Freunden aus der