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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER KHEDIVE VON BELGIEN

Umgebung des hohen Herrn entnehmen, daß er auch in der Kriegszeit seingewohntes Leben fortsetze, wenig arbeite, sich nach Möglichkeit zerstreueund nur zu viel Allotria triebe. Bei jener einzigen Einladung, die währendder letzten vier Kriegsjahre an mich erging, fand ich den Kaiser allein, ohnedie Kaiserin und ohne irgendeinen Herrn der Allerhöchsten Umgebung.Außer mir war noch der Generalgouverneur von Belgien , der General derKavallerie Freiherr von Bissing, eingeladen. Der Kaiser war in guterStimmung. Ich hatte den Eindruck, daß er mir gegenüber vor allem denstarken Mann spielen wollte. Nachdem er, wie ich vorgreifend schon erzählthabe, der Überzeugung Ausdruck gegeben hatte, daß das Volk vomParlamentarismus nichts wissen wolle, den Reichstagbis an den Hals"hätte und am liebsten von stellvertretenden Kommandierenden Generälenregiert würde, kam der hohe Herr, angeregt durch die Anwesenheit vonBissing, auf seine Stellung zur belgischen Frage zu sprechen. Er entwickeltedem General von Bissing, der für einen Anhänger der Annexion von Belgien galt und dies wohl auch war, daß er den König von Belgien nicht zu ent-thronen beabsichtige. Er sei vor allem Legitimist. Er bedaure, daß seinGroßvater unter dem Einfluß des bösen alten Bismarck 1866 die legitimenHerrscher von Hannover, Kurhessen und Nassau entthront habe. EinMonarch von Gottes Gnaden dürfe eigentlich nie abgesetzt werden. AlsBissing und ich den Kaiser erstaunt ansahen, der sich in Hannover seitJahrzehnten ganz als Herrscher fühlte und Wiesbaden und Wilhelmshöhe mit Vorhebe besuchte, meinte Seine Majestät:Was geschehen ist, ist ge-schehen. In Hannover, Hessen und Nassau bleibt alles beim alten. AberAlbert soll in Belgien bleiben, denn auch er ist ein Herrscher von GottesGnaden. Natürlich wird er nach meiner Pfeife tanzen müssen. Ich denkemir sein künftiges Verhältnis zu mir etwa sowie das Verhältnis des Khedi vevon Ägypten zum König von England ." Das war die letzte politischeÄußerung, die ich in meinem Leben von Kaiser Wilhelm II. gehört habe.Dann lenkte der Kaiser die Unterredung auf die angenehmen Eindrücke,die er im Schloß Pleß, der prächtigen Residenz des Fürsten Hans HeinrichPleß , empfangen hätte. Der Fürst habe alle Waschtische seines Schlossesmit deliziösen Fransen umsäumt, die er, der Kaiser, auf seinen vielenSchlössern auch einführen wolle. Bissing und ich wurden verhältnismäßigfrüh entlassen.

Wir hatten etwa eine Stunde, von neun bis zehn Uhr, im Neuen Palais,der herrlichen Schöpfung des großen Königs, wohl dem schönsten allerpreußischen Schlösser, geweilt. Hier war es, wo ich Kaiser Wilhelm II. zumletztenmal sah, mit dem ich im Guten wie im weniger Guten so manchesdurchgemacht habe. Zum erstenmal hatte ich den Kaiser in demselben NeuenPalais, in demselben Saal, einundvierzig Jahre früher gesehen. Er war