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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE NEUORIENTIERUNG IM INNERN

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in der Ordnung gefunden, wenn am 4. August 1914 alle Ausnahmegesetze,also insbesondere das Jesuitengesetz und das Enteignungsgesetz, aufgehobenworden wären. Eine derartige Neuorientierung unserer innerenPolitik wäre die natürliche Folge und die beste Illustrierung des schönenKaiserwortes gewesen, daß das Oberhaupt des Reichs, der Führer derNation, keine Parteien mehr kenne. Gleichzeitig aber mußte, wie dies inFrankreich und in England geschah, allen Bestrebungen, den kriegerischenGeist und den Verteidigungswillen der Nation zu zersetzen, den Umsturzim Innern vorzubereiten, mit großer Wachsamkeit und nötigenfalls mitunbeugsamer Energie entgegengetreten werden. Es mußte ein scharferStrich gezogen werden zwischen patriotischen Sozialisten, deren es einegroße Anzahl gab, und denjenigen Sozialdemokraten, die nur von demWunsch erfüllt waren, aus dem Weltkrieg Nutzen für ihre selbstsüchtigenPartei-Bestrebungen zu ziehen. Während Wolfgang Heine , Südekum, David,Noske und manche andere treffliche und tüchtige Sozialisten sich rück-haltlos in den Dienst des Vaterlandes stellten und die große Mehrheit derdeutschen Arbeiter mit deutscher Treue undTapferkeit der deutschen Fahnefolgte, zeigte sich bald genug, daß es unter den deutschen Sozialdemokraten,und nur unter diesen, nicht unter französischen, englischen, italienischenoder belgischen Sozialisten, Vaterlandsverräter gab. Karl Liebknecht stimmte als einziger Reichstagsabgeordneter am 2. Dezember 1914 gegendie Kriegskredite. Das war damals der isolierte Fall eines Fanatikers.Aber nicht lange danach äußerte der Vorsitzende der SozialdemokratischenPartei, der Abgeordnete Haase:Wir werden die Armee untergraben,um die Weltrevolution in Gang zu bringen." Es ist Haase und seinenMitschuldigen leider gelungen, bei einzelnen Truppenteilen und auchbei einem Teil der Marine die Disziplin zu untergraben. Die Welt-revolution haben diese Nichtswürdigen nicht herbeizuführen vermocht,sondern schließlich nur ihr eigenes Land vor die Füße französischerGeneräle und englischer Admiräle geworfen. Im Februar 1915 erklärte dersozialdemokratische Abgeordnete Stroebel, Redakteur desVorwärts", imPreußischen Abgeordnetenhause:Ich bekenne ganz offen, daß ein vollerSieg des Deutschen Reiches dem Interesse der Sozialdemokraten nichtentsprechen würde." Nie hat im Laufe des ganzen Weltkrieges ein fran-zösischer, ein englischer, ein italienischer, ein belgischer Sozialist einsolches Bekenntnis abgelegt, dessen Niedertracht nur von seiner Stupiditätübertroffen wurde. Die Erklärungen von Haase und Stroebel erfolgten inderselben Zeit, wo in Frankreich, Belgien, Italien und England die Demo-kratie mit Einschluß ihres äußersten linken Flügels alle Parteiwünscheund Ansprüche zurückstellte, da es für sie nur noch ein einziges Ziel gab:der volle Sieg des eigenen Landes.

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