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LIEBKNECHT
dcmonstra-lionen
Am 20. März 1915 hatten im Reichstag schon zwei Abgeordnete, außerHunger- und Liebknecht der dem Kommunismus nahestehende Sachse Otto Rühle , einFriedens- kaum dreißigjähriger Schriftsteller, gegen die zweiten Kriegskreditegestimmt. Im Januar 1916 beschloß die damals noch gut gesinnte Mehrheitder sozialistischen Partei, den Abgeordneten Liebknecht aus der sozial-demokratischen Fraktion auszuschließen. Er rächte sich durch die heimlicheHerausgabe der „Spartakusbriefe", in denen er gemeinsam mit der russischenNihilistin Rosa Luxemburg für die kommunistischen Bestrebungen Propa-ganda machte. Im Frühjahr veranstaltete Liebknecht auf dem PotsdamerPlatz in Berlin eine revolutionäre Kundgebung mit der Parole: „Niedermit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!" Er wurde zu zweieinhalbjährigerZuchthausstrafe verurteilt. Aber seine Anhänger veranstalteten weiter inBerlin und in anderen deutschen Städten Hunger- und Friedens-demonstrationen. Es wurde offen ausgesprochen, daß die Revolutionausbrechen solle, sobald die Lage an der Front bedrohlich würde. Darauf,daß sie baldmöglichst bedrohlich werde, wurde durch Agitation bei denErsatztruppen, in den Lazaretten und Genesungsheimen, auf der Straßeund von Mund zu Mund kräftig hingearbeitet. Von Seiten der Regierunggeschah dagegen nichts. Herr von Bethmann Hollweg war nur damit be-schäftigt, sich gegen die Broschüren zu verteidigen, die der General-landschaftsdirektor Kapp und einige andere bedeutungslose Alldeutschegegen ihn geschrieben und die den empfindlichen Mann völlig ausdem Häuschen gebracht hatten. Er hielt im Parlament gegen die „Piratender öffentlichen Meinung", wie er sie nannte (der Ausdruck war ihm vonRiezler-Ruedorffer souffliert worden, der sich nicht wenig darauf ein-bildete), die kräftigste Rede, die er je gehalten hat, die einzige, die von einemgewissen Schwung, fast von Leidenschaft erfüllt war. „Bethmann gehörtoffenbar zu den Ministern", sagte mir damals ein liberaler Abgeordneter,„die nur dann vom Leder ziehen, wenn die eigene werte Haut geritzt wird."Niemals hatte sich Bethmann zu einer so energischen Sprache gegen unsereausländischen Feinde, geschweige denn gegen die Umsturzbestrebungenim Innern aufgerafft.
Zu den Zugeständnissen, die unbedingt sofort nach Ausbruch des KriegesDas gemacht werden mußten, gehörte vor allem die seit langem notwendigallgemeine gewordene, aber von Bethmann seit meinem Rücktritt immer vertagteReform des preußischen Wahlrechts. Im letzten Jahr meiner Amtsführungwäre eine verständige Umbildung des Preußischen Landtags mit Unter-stützung nicht nur der Nationalliberalen, sondern auch der Freisinnigendurchaus möglich gewesen. Nach Kriegsausbruch hätte sofort die allgemeine,geheime Wahl der preußischen Abgeordneten zugestanden werden müssen,vielleicht mit einigen Korrekturen hinsichtlich des Alters für die aktive und