DIE RATGEBERIN ANGST
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passive Wahlberechtigung und der Bestimmungen über die erforderlicheLänge des Aufenthaltes am selben Wohnsitz für den Wähler. Bethmannrührte aber in der Frage des preußischen Wahlrechts auch während derersten drei Kriegsjahre keinen Finger. Erst als ihm im Frühjahr 1917 dasWasser bis zur Kehle stieg, erlebte die Welt das Schauspiel, daß derselbeStaatsmann, der seine Tätigkeit als preußischer Ministerpräsident mit einerpathetischen Philippika gegen die „Verschleppung Preußens in das Lagerdes Parlamentarismus" und gegen eine bescheidene Ausdehnung desWahlrechts begonnen hatte, von heut auf morgen das geheime und unmittel-bare Wahlrecht für das preußische Abgeordnetenhaus durch eine feierliche,,Osterbotschaft" des Königs dem erstaunten Lande ankündigte. Wie somancher andere Entschluß Bethmanns war auch dieser hervorgegangenaus Angst, die nun einmal politisch die allerschlechteste Ratgeberin ist.Bethmann sah in plötzlicher Nachgiebigkeit und völligem Zurückweichendas einzige Mittel, die Sozialdemokraten noch einige Zeit bei der Stange zuhalten. Er erreichte aber damit nur, daß die sozialdemokratische „Arbeits-gemeinschaft" sich als „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutsch-lands" konstituierte, die berüchtigte U. S. P. D. , die sofort offen denKampf gegen die Fortführung des Krieges und für den Umsturz aufnahmund unter den Totengräbern deutscher Macht, Wohlfahrt und Größe inerster Linie steht. Nicht zufrieden mit der „Osterbotschaft", ließ Bethmannihr noch eine „Julibotschaft" des Königs von Preußein folgen, in der ver-kündet wurde, daß der Gesetzentwurf für die Abänderung des Wahlrechtszum Abgeordnetenhause auf die Grundlage des gleichen Wahlrechts zustellen sei. Die Vorlage sei jedenfalls so frühzeitg einzubringen, daßschon die nächsten Wahlen nach dem neuen Wahlrecht stattfinden könnten.
Während bei uns die Hals über Kopf gemachten Konzessionen schondeshalb keinen nachhaltigen Eindruck hervorriefen, weil zu deutlich zutagetrat, daß sie Bethmann nur machte, um sich noch einige Zeit im Amte zuhalten, zogen namentlich in Frankreich die leitenden Staatsmänner dieZügel straff und immer straffer an. Der Geist und die harte Faust desKonvents und des großen Napoleon wurden an der Seine wieder lebendig.Im Mai 1917 waren infolge der verheerenden Wirkung der verunglücktenFrühjahrsoffensive des Generals Nivelle, des „Buveur de sang" (des Blut-trinkers), wie ihn seine Soldaten nannten, im französischen Heere ernsteMeutereien ausgebrochen. Die Soldaten verweigerten den Gehorsam,bildeten Soldatenräte nach russischem Muster, verschanzten sich in ihrenUnterkunftsorten und entfalteten rote Fahnen mit dem Ruf: „Nieder mitdem Krieg!" Die französische Regierung griff sofort ein und mit der größtenEnergie. Es wurden Massenerschießungen vorgenommen und die Bewegungin kurzer Zeit niedergedrückt. Gleichzeitig brachte die Regierung einen
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