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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DEFAITISTEN IN FRANKREICH

Gesetzentwurf ein, derdie defaitistische Friedenspropaganda" mit denschärfsten Strafen bedrohte. Der Leiter des friedensfreundlichen, sozia-listischenBonnet rouge", Almereyda, wurde verhaftet und einigeTage später tot im Gefängnis vorgefunden. Wahrscheinlich ist er er-drosselt worden. Der französische Minister des Innern, Malvy, der vonClemenceau beschuldigt wurde, der Friedenspropaganda nicht scharfgenug entgegenzutreten, wurde verbannt. Der ehemalige Außenministerund Ministerpräsident Caillaux wurde als Flaumacher eingesperrt undfürchtete längere Zeit nicht ohne Grund für sein Leben. Bolo Pascha, einin Ägypten zu Vermögen gelangter Bankier, der Bruder eines höherenPrälaten, ein Mann in angesehener Stellung, wurde verhaftet, weil (übrigensmit Unrecht) ihm nachgesagt wurde, er hätte, von Deutschland bestochen,für den Frieden gewirkt. Unter begeistertem Jubel der Zuhörer wurde ervom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und vierundzwanzig Stundenspäter in Vincennes erschossen.

Als Herr von Bethmann den Kaiser zum Erlaß der OsterbotschaftGespräche bewog, sagte mir Albert Ballin :Der Kanzler Bethmann kommt mir vormit Bethmann wie ein Kaufmann, der weiß, daß er bankrott ist, der aber seinen Zu-sammenbruch nicht eingestehen will und deshalb, um nach außen hin nocheinige Wochen in der alten Weise auftreten zu können, ein Depot angreift."Ich habe, wenn ich von Flottbek oder auch von einem Besuch bei meinerFrau in Luzern nach Berlin zurückkehrte, regelmäßig Bethmann aufgesucht.Er wußte, daß ich ebenso wie dem Kaiser auch ihm, dem Kanzler, zu jederZeit und für jede Frage zur Verfügung stand, hat aber meinen Rat niemalsin Anspruch genommen. Seinen Ausführungen, ich sollte eigentlich sagen,seinen Vorträgen, über die Lage war zu entnehmen, daß er immer noch aufein Einlenken Englands hoffte.Die Engländer werden doch die erstensein, die uns kommen!" So hat er mehr als einmal zu mir gesprochen. Ichverhehlte ihm nicht meine abweichenden Ansichten.Ich glaube", sagteich ihm,daß bei richtig geleiteter Politik der Friede mit England aufrechtzuerhalten war. Aber nachdem England in den Krieg mit uns ein-getreten ist, wird es nicht von heut auf morgen locker lassen. Der Engländerist wie sein Bulldog."

Der arme Bethmann konnte es nicht lassen, von Zeit zu Zeit An-deutungen über dieschwere politische Erbschaft" zu machen, die erbei seiner Geschäftsübernahme angetreten habe. Ich ließ solche Ge-schichtskMtterung natürlich nicht durch. Ich sagte ihm, es sei vielleichtbequem, aber dilettantisch und ungerecht, die Folgen selbstbegangenerFehler dem Vorgänger zuzuschieben.Habe ich als Staatssekretär undReichskanzler gegenüber den Schwierigkeiten, denen auch ich zu begegnenhatte, mich auf Fehler meiner Vorgänger, zum Beispiel das durch die

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