DER ERBE BETHMANN
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Nichterneuerung des RückVersicherungsvertrages herbeigeführte russisch-französische Bündnis, oder auf die Krüger-Depesche oder den ostasiatischenDreibund ausgeredet ? Ich trachtete, to make the best of it, mich mit dergegebenen Lage so gut als möglich abzufinden. Übrigens ist, wenn ich nichtirre, vor einiger Zeit von Ihnen, mein lieber Bethmann, in einem an diePresse gerichteten Zirkular darauf hingewiesen worden, daß die auswärtigePolitik von Seiner Majestät geführt werde und daß somit eine Kritik der-selben sich gegen die Allerhöchste Person richten würde. Ob diese Auf-fassung an und für sich nicht ihre Bedenken hat, steht dahin. Jedenfallsdarf sie nicht zum Schutze eines einzigen Reichskanzlers angerufen werden.Vor allem aber kann ich die sachliche Berechtigung Ihrer Rekriminationenhinsichtlich der von Ihnen angetretenen Erbschaft in keiner Weise zu-geben. Mit dieser Erbschaft und dank dieser Erbschaft haben Sie doch nochvolle fünf Jahre — und fünf Jahre, mein lieber Bethmann, sind auch imLeben der Nationen ein gewisser Zeitraum — gute Beziehungen zu Rußland unterhalten können, die in der Potsdamer Begegnung und in Ihrer Reisenach Petersburg und Moskau zutage traten und von Ihnen laut gerühmtwurden. Sie haben mir nach dem Abschluß des Marokko-Kongo-Vertrageseine bis zur Möglichkeit einer Entente gehende Besserung der deutsch-französischen Beziehungen angekündigt, und mit England verhandeltenwir unmittlbar vor dem Ausbruch des Krieges über zwei wichtige Fragen:die Bagdadbahn und die portugiesischen Kolonien. Die in Aussichtgenommenen Verträge, für welche ich die Grundlage geschaffen hatte,standen Ende Juli 1914 vor ihrer Ratifizierung. Die Besserung unsererBeziehungen zu den Westmächten ist gerade in den letzten Jahren vor demKriege von Ihnen mit Emphase proklamiert worden." Bethmann schwiegund machte ein zwar pikiertes, aber mindestens ebenso verlegenes Gesicht,als ich ihn, nach wie vor im freundlichen Tone eines wohlmeinenden Gönners,ersuchte, bei der Rechnungsablegung über den Krieg das eigene Konto nichtdadurch zu entlasten, daß er die Konten anderer Leute zu Unrecht belaste.Sein Gesicht hellte sieh'wieder auf, als ich ihm sagte, ich hielte es leidernicht für ausgeschlossen, daß England sich zur Annahme der allgemeinenWehrpflicht entschließen würde. Er betrachtete mich mit einem fast teil-nahmsvollen Blick, in dem ich den Gedanken las: „Der gute Fürst fängtan recht alt zu werden, er vertrottelt." Dann zu mir gewandt: „Aber meinhochverehrter Fürst, haben Sie nie die englische Geschichte Ihres Ham-burger Landsmanns Johann Martin Lappenberg gelesen? Macaulay? Diegrundlegenden Schriften von Gneist? Niemals wird sich das englische Volkunter das Joch der allgemeinen Wehrpflicht beugen."
Ernsthafte Schweizer Finanzkreise, auch Vertreter der Kurie, diewährend des Krieges in der Schweiz residierten, hatten damals schon