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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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EIN UNGLÜCKSMANN

sollten oder nicht, auf des Messers Schneide stand, frühstückte ich mitAlbert Ballin im Berliner Hotel Continental. Ballin wurde währendunseres Frühstücks herausgerufen und kam erst nach einer Viertelstundewieder, mit sorgenvollem Gesicht.Nun ist der verschärfte U-Boot-Kriegdoch beschlossen worden. Er ist zu spät beschlossen worden. Wenn manden U-Boot-Krieg wollte, so hätte er früher eingesetzt werden müssen.Dann hätte man auch Tirpitz behalten sollen. Jetzt hat England zweiJahre Zeit gehabt, durch Bewaffnung fast aller seiner Dampfer, durchU-Boot-Jäger und U-Boot-Fallen, Motorboote, Flieger, Luft- und Horch-schiffe, mit Wasser-Bomben und -Minen seine Abwehr zu organisieren."Ich frug Ballin, ob Bethmann unter solchen Umständen, nachdem er seitJahr und Tag den U-Boot-Krieg bekämpft hatte, im Amte bleiben würde.Die Antwort lautete:Denken Sie, der Unglücksmann bleibt! Er hat mirsoeben sagen lassen, im Interesse des Vaterlandes müsse er weiter aus-harren." Herr von Bethmann hat selten oder nie soviel Willenskraft anden Tag gelegt, wie er im Sommer 1917 im Haften am Amt bewies. Ichmuß zugeben, daß sich der Kaiser nur sehr ungern von ihm trennte,nicht allein weil ihm eingeredet worden war, daß Bethmann, einzig Beth-mann ihn vor Umsturz, Bevolution und Abdankung retten könne, sondernauch in dem Gefühl, einen ihm so unterwürfigen Kanzler nicht leichtwieder zu finden.

In der Kronratssitzung, in der die preußische WahlrechtsreformDer Kampf beraten wurde, begründeten Anhänger und Gegner derselben ihren Stand-i Bethmann p Un l 4 t in längeren Vorträgen. Der Kaiser war so entzückt von den Redenseiner Minister, daß er laut ausrief:Ich wußte gar nicht, daß ich so klugeMinister habe!" Am verständigsten sprach der Minister des Innern, Staats-minister von Loebell, der die Wahlrechtsreform als einen ernsten undschweren Schritt bezeichnete, der aber, alles wohl erwogen, notwendiggeworden sei. Nur möge diese Maßregel nicht von den müden und ver-brauchten Händen des gegenwärtigen Ministerpräsidenten Bethmanndurchgeführt werden. Der junge, feurige Wein dürfe nicht in alte Schläuchegefüllt werden. Ich bemerke ausdrücklich, daß Herr von Loebell seineStellungnahme in der Kronratssitzung in keiner Weise mit mir verabredetoder auch nur vorher mit mir besprochen hatte und daß er ganz aus eigenerInitiative handelte und sprach. Er hat mir den Verlauf der Kronratssitzungerst später erzählt. Nach der Aufhebung des Kronrats herrschte die Meinungvor, daß Herr von Bethmann die Partie gewonnen habe. Er selbst nahm imLaufe des Tages die Glückwünsche seiner Freunde entgegen und drückteden ihm weniger wohlgesinnten Kollegen, insbesondere Herrn von Loebell,sein Bedauern aus, sich von ihnen trennen zu müssen.

Wer hat schließlich den Anstoß zur endlichen Beseitigung Bethmanns