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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BETHMANNS STURZ

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gegeben ? Der Kronprinz hatte erkannt, daß wir mit Bethmann weder denKrieg gewinnen, noch mit ihm zum Frieden gelangen würden. Die ObersteHeeresleitung, Ilindenburg und Ludendorff, waren der gleichen Ansicht.Im Grunde dachten auch die Parteien nicht anders. Das hatte der Kronprinzaus einer Reihe von Unterredungen erkannt, die er Anfang Juli mit leitendenParlamentariern geführt und bei denen er durch seinen Takt und seineklugen Fragen allgemein gefallen hatte. Erzberger hatte bei diesen Kon-ferenzen seine Meinung nicht übel so formuliert:Bethmann kann sichmit seiner ganz bekleckerten Weste unmöglich an einen Konferenz- oderFriedenstisch setzen." Es ist Matthias Erzberger gewesen, der dem Reichs-kanzler Theobald Bethmann den letzten, den entscheidenden, den Todes-stoß versetzte. Als Bei hmann erfuhr, daß der Kaiser ihn fallen ließe, rief ernicht, wie angeblich Bismarck:Le Roi me reverra!", sondern seufzte:Nun ist die Revolution unabwendbar."

Als es feststand, daß Bethmann abtreten sollte, sagte der Kaiser zu demGrafen August Eulenburg:Gehen Sie zu meiner Frau und sagen Sie ihr, Die Nachfolgedaß sie ihren Bülow wiederkriegt." Der Kaiser wußte, daß sowohl seine Bethmannshohe Gemahlin wie auch sein Hausminister Graf Eulenburg meine Rückkehrzu den Geschäften wünschten. Wäre eine solche ein Glück für mich gewesen ?Oder vielmehr, da es natürlich in keiner Weise auf mein individuelles Glück,sondern lediglich auf die Salus pubüca ankam, hätte meine Wieder-erneunung zum Reichskanzler im Interesse des Landes gelegen? Natürlichwürde ich, wieder Reichskanzler geworden, es als meine Aufgabe betrachtethaben, einen annehmbaren Frieden zustande zu bringen. Vor der unsinnigenWiederherstellung von Polen war ein Separatfriede mit Rußland möglichund damit entweder eine aussichtsvolle Fortführung des Krieges gegen dieWestmächte oder noch besser ein guter Gesamtiriede. Ich würde michvor der polnischen Dummheit keinen Augenblick besonnen haben, mit derrussischen Regierung auf der Basis zu verhandeln, daß wir dem Zarenreichalle unsere im Weltkrieg in Polen gemachten Eroberungen wieder heraus-gaben. Hätte die Wiener Regierung Schwierigkeiten erhoben, so würde ichden Russen auch noch Galizien in Aussicht gestellt und das Weitere ab-gewartet haben. Mit einem zufriedengestellten Rußland im Rücken warenwir der Rumänen und Italiener sicher. 1917 war die Gesamllage schonviel schwieriger, aber nicht hoffnungslos. Ohne mich in Konjekturalpolitikzu verlieren, will ich hinzufügen: Der Friede war noch 1917 möglich, wennwir nach außen keine Schwäche durchblicken ließen, also kein allzu sicht-bares Friedensbedürfnis, keine kindischen Friedensmauifestationen odereinfältigen Friedensresolutionen. Nach außen mußten wir im vollsten Sinnedes Wortes unser Gesicht wahren, ein ernstes und festes, ja trotziges Ge-sicht, dem unsere innere Entschlossenheit entsprechen mußte. Gleichzeitig