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EINE BASIS, DIE DENKBAR WAR
aber mußten wir durch einen geeigneten Vermittler der Ententeunsere Bereitwilligkeit zu erkennen geben, zu einem Ausgleichs- und Ver-ständigungsfrieden zu gelangen.
Der beste Friedensvermittler wäre an und für sich der Papst BenediktXV.Der Papst als gewesen, dessen freundliehe Gesinnung für das Deutsche Reich und dessenVermittler österreichisch-ungarischen Bundesgenossen ebenso unzweifelhaft war wieseine aufrichtige Friedensliebe und seine erleuchtete Weisheit. Nachdemjedoch die italienische Regierung im Patto di Londra, durch den sie ihrenAnschluß an die Entente vollzog, die Zusicherung erhalten hatte, daß derPapst keinesfalls zu den Friedensverhandlungen zugezogen werden würde,mußte hiervon abgesehen werden. Es blieb uns aber noch die Wahl zwischender Königin von Holland, dem Präsidenten der Schweizer Eidgenossen-schaft und den Königen von Spanien, von Schweden und von Dänemark .Jedenfalls mußte ein ernsthafter Friedensschritt auf ordnungsgemäßemdiplomatischem Wege erfolgen, denn, das will ich hier einfügen, an Ver-suchen mit Friedensfühlern hat es Bethmann nicht fehlen lassen. Leiderwaren es durchweg Versuche mit untauglichen Mitteln, d. h. mit politischund diplomatisch unerfahrenen Mittelsmännern, die durch plumpes Auf-treten die Sache, die sie führen sollten, von vornherein kompromittierten.
Meine Bedingungen wären etwa folgende gewesen: Völlige Wieder-herstellung der belgischen Unabhängigkeit, Integrität und Selbständigkeit,erneute feierliche Bekräftigung der belgischen Neutralität mit großzügigerEntscheidung für Belgien, Abtretung des Trentino an Italien und Autonomiefür Triest , Wiederherstellung und erneute Anerkennung der Unabhängig-keit und Neutralität des Großherzogtums Luxemburg. Im Notfall Ab-tretung von Französisch-Lothringen nach erfolgter Schleifung der FestungMetz. Im äußersten Notfall Konstituierung von Elsaß-Lothringen als selb-ständiger, völkerrechtlich anerkannter, entmilitarisierter Pufferstaat. Nachzahlreichen Unterredungen, die ich inzwischen mit Neutralen, aber auchmit Politikern der feindlichen Länder gehabt habe, glaube ich, daß aufdieser Basis ein Friede möglich war. Noch sicherer ist mir freilich, daß,wenn ich einen solchen Frieden erreicht hätte, man in Deutschland mitfaulen Äpfeln nach mir geworfen hätte. In Hunderten von Leitartikelnwäre ausgeführt worden, daß ich mit der schlappen Feder verdorben hätte,was durch das forsche Schwert ruhmvoll errungen war. Die Leitartikel hätteich leicht verschmerzt und die faulen Apfel freudig ertragen, wenn nur dasVaterland vor völliger und endgültiger Niederlage, vor Zusammenbruchund Umsturz bewahrt worden wäre.
Bevor ich in diesen meinen Erinnerungen von Herrn von Bethmann Ab-schied nehme, möchte ich die letzte poütische Äußerung wiedergeben, dieich von ihm hörte. Nicht lange vor seinem Rücktritt kehrte ich von einem