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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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MICHEL ODER MICHAELIS

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Spaziergang im Tiergarten in das Hotel Adlon zurück, in dem wir ab-gestiegen waren. Ich fand Bethmann bei meiner Frau, der er liebens-würdigerweise einen Besuch abstattete. Als ich eintrat, erzählte er ihrund mir das nachstehende Erlebnis während einer Reise an die Front.Er habe in Charleville die brave Bürgersfrau aufgesucht, bei der er im erstenKriegsjahr im Quartier gelegen habe.Revenez souvcnt nous voir quandla paix sera retablie", habe sie ihm gesagt,Monsieur le Chancelier, voustrouverez chez nous des mains pretes ä serrer votre main, des cceurs quivous estiment et vous aiment." Theobald von Bethmann fügte hinzu:Dassagte mir mehr über die wirkliche, die innerste Stimmung der Franzosenals alles Zeitungsgerede. Und in England und in Belgien sieht es nichtanders aus." In einem alten französischen Lustspiel heißt es:Faut de lanaivete, pas trop n'en faut."

Wie ist Kaiser Wilhelm auf den Entschluß verfallen, in einem hoch-kritischen Augenblick den Unterstaatssekretär Michaelis zum Kanzler des MichaelisDeutschen Reiches zu ernennen, den, wie ich seinerzeit erzählt habe, der wir( ^ KanzlerKabinettsrat Lucanus, ein langjähriger und gründlicher Kenner des preu-ßischen Verwaltungsdienstes, wenige Jahre früher der Stellung eines Ober-regierungsrates in Breslau nicht für gewachsen hielt ? Von einem Herrn ausder Umgebung Seiner Majestät wurde mir nachstehendes erzählt:WirFlügeladjutantcn unterhielten uns im Marmorsaal über die Frage, wer wohlNachfolger des unmöglich gewordenen Bethmann werden könnte. Es wurdehin und her geraten, da riß der Generaladjutant von Plessen die Tür aufund rief in den Saal: ,Ich habe einen Reichskanzler! Wie er heißt, habe ichvergessen. Michel oder ähnlich. Er macht in Brotlieferungen und hat neu-lich eine famose Rede gehalten, in der er sagte, er renne jedem den Degendurch den Leib, der ihm in den Weg träte.' Da erhob sich im Hintergrundder Kabinettsrat Valentini, der bis dahin geschwiegen hatte: ,Der Mannheißt zwar nicht Michel, sondern Miebachs, er treibt auch kein Brotgeschäft,sondern ist Staatssekretär für das Ernährungswesen in Preußen . Er hatauch nicht gesagt, daß er jedem den Degen in den Bauch stoßen wolle,sondern er betonte, er halte die Waffe des Gesetzes in der Hand und werdesie rücksichtslos anwenden. Den zum Reichskanzler zu machen, wäre garkein so übler Einfall. Ich fahre sofort zu Seiner Majestät nach dem SchloßBellevue. Der Kaiser wird froh sein, wenn ich ihn um die Zurückberufungdes Fürsten Bülow herumbringe.' Eine Viertelstunde später stand Valen-tini in dem historischen Schloß Bellevue vor Wilhelm II. und proponierteSeiner Majestät den bisherigen Unterstaatssekretär Michaelis als Reichs-kanzler. Der Kaiser erwiderte gut gelaunt: ,Es wird mich sehr inter-essieren, ihn kennenzulernen. Vorläufig habe ich keine Ahnung, wie undwer er ist.' Sofort herbeigerufen, erschien der zum fünften Nachfolger des