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Regierung gehabt habe!" Wilhelm II. machte sogar den Versuch, Michaeliswenigstens als preußischen Ministerpräsidenten zu behalten, stieß damitaber auf so allseitigen Widerspruch, daß er den Gedanken aufgab. Aberwer sollte nun an die Stelle des Dr. Georg Michaelis treten, den die „Times"nach seiner Ernennung mit einem Artikel begrüßt hatte, in dem es etwahieß: „Als Herr von Bethmann mit demselben plumpen (clumsy) Un-geschick, mit dem er in den Krieg hineingestolpert war, aus dem Reichs-kanzleramt herausstolperte, ließ Wilhelm einen im In- und Ausland völligunbekannten, mittelmäßigen Beamten kommen, der weder im Parlamentnoch im Lande irgendwelche Stellung hatte, und sagte zu ihm: Ich ernenneSie zum Major, mehr bedarf es nicht, damit Sie mit Gottes Hilfe ein aus-gezeichneter Reichskanzler werden." Leider hatte die nach seiner Er-hebung zum Kanzler in der Tat erfolgte Ernennung zum Major der Land-wehr nicht genügt, um Michaelis vor einem frühen politischen Tod zu be-wahren.
Wieder sollte Wilhelm II. einen neuen Steuermann für das in schweremKriegssturm von den Wellen hin und her geworfene Reichsschiff finden. ReichskanzlerWiederum von dem eigensinnigen Wunsch geleitet, um mich herumzu- Freiherrkommen, verfiel der Kaiser auf den bayrischen Ministerpräsidenten Hert- ^ ertiln Sling, an den bereits im Juli 1917 herangetreten worden war, der aber da-mals mit Rücksicht auf seinen schlechten Gesundheitszustand gebetenhatte, von ihm abzusehen. Es war das derselbe Hertling, den der Kaiserzwei Jahrzehnte früher nur mit Widerstreben auf einem Hofball einerkurzen Ansprache gewürdigt hatte, leider auch derselbe Hertling, von demam Schauplatz seiner bisherigen Tätigkeit in München seine Kollegen, seineUntergebenen und alle, die mit ihm in Berührung kamen, überzeugt waren,er würde seinem dortigen, nicht allzu aufreibenden Amt, das jedenfalls viel,sehr viel bequemer war als das des Reichskanzlers, nicht mehr lange ge-wachsen sein. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Hertling warnicht nur bis zum letzten Atemzug ein gewissenhafter, ernster und vornehmgesinnter, sondern auch ein kluger und erfahrener Staatsmann. Aber er warüber seine Jahre hinaus gealtert. Er war infolge einer rasch fortschreitendenArteriosklerose körperlich verfallen. Schon in München war er nicht mehrimstande gewesen, länger als eine Stunde Vorträge entgegenzunehmen. DieErnennung Hertlings erregte daher dort, wo man seinen körperlichen Zu-stand kannte, großes Erstaunen.
Ich stattete ihm bald nach seiner Amtsübernahme einen längeren Be-such ab, schon weil er der einzige Zentrumsabgeordnete gewesen war, dermir gegenüber, auch nachdem ich politisch mit dem Zentrum zusammen-gestoßen war, die gesellschaftlichen Formen wahrte. Ich fand ihn geistigklar, physisch völlig verbraucht. Als ich ihm riet, seine schöne Münchener
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