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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER BITTERE KELCH

Bibliothek nach Berlin kommen zu lassen, damit er, ein großer Bibliophile,seine gehebten Fohanten und Regesten um sich habe, erwiderte er mir:Bis meine Bücher eintreffen, bin ich ja vielleicht schon in einer anderen undbesseren Welt. Ich bin ein schwerkranker Mann." Er erzählte mir dann mitvollkommener Ruhe, daß er schon vor Monaten vou München nach Berlin ge-schrieben habe, er sei nicht mehr in der Lage, einer etwaigen Berufung zumReichskanzler Folge zu leisten. Trotzdem sei die kaiserhche Aufforderung anihn ergangen. Nach seiner Ankunft in Berlin habe ihm Graf Lerchenfeld gesagt,er dürfe dem Kaiser unter keinen Umständen ein Kabinett mit Parlamen-tariern vorschlagen, davon wolle Seine Majestät absolut nichts wissen. Erhabe geantwortet:Dann werde ich es gerade tun!" Als er in der ihm vonSeiner Majestät allergnädigst bewilligten Audienz damit angefangen habe,die Notwendigkeit einer Parlamentarisierung der Regierung zu betonen,hätte der Kaiser erwidert:Tun Sie, was Sie nicht lassen können." Als erSeiner Majestät weiter gesagt habe, persönlich sei er, gerade weil er ein alterParlamentarier wäre, im Grunde ein Gegner parlamentarischer Ministerienwie jeder Parteiherrschaft, da beides für Deutschland nicht passe, es bleibeaber nach Lage der Dinge nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zubeißen, habe der Kaiser nur genickt und alles Weitere ihm überlassen. DerKaiser hätte sogar den Vorschlag akzeptiert, daß Hertling sich zunächstder Unterstützung aller Parteien vergewissern solle, eine Idee, die SeineMajestät bis dahin als eine für die Krone unerträgliche Demütigung be-zeichnet hatte. Die Rücksprachen zwischen ihm, Hertling und den Partei-führern hätten denn auch stattgefunden. Alle Parteiführer bis auf einen,den Hertling nicht nannte, hätten ihm, dem alten Kollegen, ihre Unter-stützung zugesagt. Nur einer habe ihm nicht verhehlt, daß seine Partei beialler persönlichen Sympathie für den langjährigen Reichstagskollegen ihmpolitisch werde opponieren müssen. Diesem Kollegen habe er warm dieHand gedrückt mit den Worten:Sie waren mir persönlich immer heb,sind es mir aber jetzt noch mehr geworden, denn Sie erwecken in mir dieHoffnung, daß der bittere Kelch an mir vorübergehen wird." Er habe dannauch Seiner Majestät sagen lassen, er müsse endgültig auf die Übernahmedes Reichskanzlerpostens verzichten, und gleichzeitig die Reichskanzlei ge-beten, ihm den Salonwagen, in dem er aus München eingetroffen war,freundlichst für die Rückfahrt wieder zur Verfügung zu stellen. Daraufhinsei der Staatssekretär des Äußern, Herr von Kühlmann, bei ihm er-schienen und habe ihm, gemeinsam mit dem Grafen Lerchenfeld, mitsolchem Nachdruck auseinandergesetzt, er dürfe den Kaiser nicht im Stichelassen, es sei Fahnenflucht, wenn er Berlin verlasse, daß er schließhch denKanzlerposten angenommen habe. Es war Kühlmann, der vor allem dieErnennung von Hertling betrieb.