DYNASTISCHE AMBITIONEN
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Er selbst ist nach ihm nicht in den großen Kasten Wilhelmstraße 77gelangt. Aber auch in der kurzen Zeit seiner Amtsführung als Staats- Der FriedeSekretär bat er mehr als einmal eine sehr unglückliche Pland bewiesen. Der von Brest- Friede von Brest-Litowsk war ein schwerer Fehler. Es war kein Helden- Litowskstück, die Bolschewisten zu ganz exorbitanten Zugeständnissen zu bewegen,teils weil sie den Frieden um jeden Preis wollten, um sich ungestört dergründlichen Ausrottung ihrer inneren Gegner widmen zu können, teils weilTrotzki und Genossen sich am Vorabend der von ihnen mit gläubiger Zu-versicht erwarteten Weltrevolution glaubten und deshalb jeden Friedens-schluß nur als ein Provisorium betrachteten. Der Friede von Brest-Litowsk schadete uns in zwei Richtungen. Er erweckte in der ganzen Weltden Eindruck deutscher Brutalität und Unersättlichkeit. Er gab der fran-zösischen und englischen Propaganda die Möglichkeit, mit neuen Schein-gründen das Märchen von den deutschen Weltherrschaftsplänen zu ver-breiten. Dieser Friedensschluß mit seinen unsicheren Konturen und seinenunbegrenzten Zukunftsmöglichkeiten erweckte gleichzeitig in Deutschland an nur zu vielen Stellen die Hoffnung auf Landerwerb. Der württembergi-sche Herzog von Urach wollte mit Hilfe des ihm befreundeten Matthias Erz-berger König von Litauen werden, ein Gedanke, der dem Abgeordnetenfür Biberach beinahe ebenso sehr am Herzen lag wie die Feststellung einerneutralen Zone für den Papst zwischen der Cittä Leonina und Civitä-Vecchia zwecks ganz freien Verkehrs des Heiligen Stuhls mit der Außen-welt. Der Prinz Friedrich Karl von Hessen, ein Schwager des Kaisers, be-warb sich um die Krone von Finnland. Kaiser WUhelm, dem man vonden prächtigen Auerochsen in den Wäldern von Kurland gesprochen hatte,wünschte für sich selbst als Hausgut und Jagdgrund das Herzogtum Kur-land. Der Kaiser zeichnete recht hübsch und hatte schon das Wappen ent-worfen, das er als Herzog von Kurland führen wollte. Auch im Westenmachten sich dynastische Ansprüche geltend: Bayern wünschte die Teilungdes Reichslandes Elsaß-Lothringen in der Weise, daß Lothringen anPreußen, Elsaß aber an Bayern fallen solle. Württemberg erklärte, daß esin diesem Falle als Entschädigung den Regierungsbezirk Sigmaringenbeanspruche. Sachsen wollte nicht leer ausgehen und ließ durchblicken, daßder Oberelsaß ganz wohl von Dresden aus regiert werden könne. Es war,als ob in den deutschen Fürstenhäusern kurz vor ihrem Zusammenbruchihre jahrhundertealte Vergrößerungssucht und Leidenschaft des Land-erwerbs als später Johannistrieb noch einmal zutage trat. Es betrübte mich,im hinter 1917/18 in Berlin zu beobachten, wie sehr trotz des ungeheurenErnstes unserer Lage für viele, allzu viele, selbstsüchtige Bestrebungen,kleinhche Ambitionen im Vordergrund standen. Oben und unten: An dendeutschen Fürstenhöfen wurden Fürstenhüte ausgeteilt wie an der Tafel
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