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BALLINS TOD
wenige habe ich. eine so aufrichtige Achtung gefühlt. Ballin war sehr klug,er hatte aber nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch, was inDeutschland seltener ist als in Italien , einen Verstand voll Ressourcen. Ersuchte und fand meist einen Ausweg. II etait plein d'expedients, wie derFranzose sagt. Er war durch und durch praktisch, was der Deutsche seltener ist als der Engländer, als der Amerikaner und selbst als derFranzose, und dabei hatte er, ganz Autodidakt, tiefes Verständnis fürgeistige Kultur. Er hatte vor allem ein goldenes Herz, und groß ist die Zahlderjenigen, denen er mit Rat und Tat geholfen hat, ohne jemals eine Gegen-leistung zu verlangen oder auch nur Aufhebens davon zu machen.
Ballin ist, wie ich vorgreifend hinzufüge, beim Ausbruch der RevolutionHat Ballin plötzlich gestorben. Man sagt, er wollte sterben. Und doch war nach meinerSelbstmord Überzeugung von einem eigentlichen Selbstmord nicht die Rede. Der Zu-begangen? 8ammen b ruc h d e s Vaterlandes erschütterte ihn bis ins Innerste. Er glaubte,wie mir 6eine hebe und gute Frau nach seinem Tode sagte, sein Lebenswerksei zerstört. Auch das Schicksal des Kaisers ging ihm nahe, mit dem ernicht immer einverstanden war, dem er aber trotz allem treu ergeben blieb,für den er, ich möchte sagen, väterliche Gefühle empfand. Daß aber AlbertBallin seinem Leben nicht mit Bewußtsein selbst ein Ende setzen wollte,dürfte schon daraus hervorgehen, daß er mir vierundzwanzig Stunden vorseinem Tod einen längeren Brief schrieb, in dem er die Grundlinien für denwirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands , auch auf dem Gebiete derSchiffahrt, in großen Zügen skizziert hatte. Am Vormittag seines Todes-tages saß Ballin allein in seinem Arbeitszimmer in dem stattlichen, an derBinnenalster gelegenen Hapag -Gebäude, das die stolze Inschrift trug: „MeinFeld ist die Welt." Rohe Matrosen mit roten Schleifen und Kokardendrangen in sein Zimmer und bedrohten den feinfühligen, kränklichen Mannmit körperlicher Mißhandlung. Sie schrien ihm zu, die Republik sei pro-klamiert, jetzt breche eine neue Zeit an, eine herrliche Zeit, mit ihm, mitdem Kapitalismus und der Hapag sei es vorbei. Ballin , der an intensiverSchlaflosigkeit litt, hatte ein starkes Schlafmittel auf seinem Tischsteben. Als die rohen Einbrecher sich entfernt hatten, leerte er in derfurchtbaren Erregimg des Augenblicks den ganzen Inhalt des Fläschchens.Unmittelbar nachher von Reue ergriffen, telephonierte er selbst an seinenArzt. Dieser erschien, fand den Fall nicht hoffnungslos, erklärte aber, derMagen müsse ausgepumpt werden. Es empfehle sich, daß Ballin selbst mitihm zu Fuß in seine Klinik ginge, die kurze Bewegung würde ihm guttun.In dem Augenblick, wo Ballin in dem Krankenhaus anlangte, sank er, voneinem Herzschlag getroffen, leblos zu Boden.
Albert Ballin war am Hamburger Hafen geboren, am Steinhöft. Schonder Blick des Knaben fiel auf „der Schiffe Mastenwald", wie es in dem