GRABGELÄUT
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hamburgischen Liede heißt, das auch ich in meiner Kindheit singen hörte.Ballin entstammte einer seit Jahrhunderten an der Elbe ansässigenjüdischen Familie, die tüchtige Geschäftsleute, auch geachtete Gelehrtehervorgebracht hatte. Er ist dem Glauben seiner Väter immer treu ge-bheben. Ich habe nicht viele gekannt, die eine solche Kunst der Menschen-behandlung, soviel Sicherheit und Gewandtheit im Verkehr besaßen, diesoviel Liebenswürdigkeit mit Würde verbanden wie Albert Ballin . Er war,was seltener ist, ein guter Mann. Wenige Menschen haben in ihrem Lebensoviel Gutes getan wie Ballin. Sein Fehler war vielleicht eine gewisseNeigung, es allen recht zu machen. Das wurde ihm von seinen Gegnern alsCharakterlosigkeit ausgelegt und gab ihm in der Tat bisweilen etwasUnsicheres. Alles in allem, als Ganzes genommen, war Ballin ein ganzerMann. Er verkörperte wie kaum ein anderer den kühnen, wagemutigen,immer von neuem sich aufrichtenden, immer vorwärtsstrebenden Geniusder mächtigsten deutschen Hafen- und Handelsstadt, des alten und immerjungen Hamburg .
Fünf Wochen bevor Albert Ballin aus dem Leben schied, hatte ich inFlottbek den nachstehenden Brief des freisinnigen Beichstagsabgeordneten Dr. SiegfriedDr. Siegfried Heckscher erhalten: „Hochverehrter Fürst! Am 30. Sep- Heckschertember 1918 ist, auch nach außen hin erkennbar, das deutsche Kaisertum an ßulowBismarckscher Schöpfung und Bülowscher Entfaltung zu Grabe geläutetworden. Leider hat sich auch die Oberste Heeresleitung einem verhängnis-vollen Optimismus in der Beurteilung der gegnerischen Kräfte hingegeben.Aber das Entscheidende war doch die verbrecherisch-schmähliche politischeFührung von den Julitagen 1914 an bis zu den letzten Lebenszeichen desHertlingschen Begimes. Dennoch hätte sich die gefahrdrohende, sausendeFahrt des Beichswagens verlangsamen lassen, wenn wenigstens in denSeptembertagen dieses Jahres die Krone von charaktervollen, staatsklugen,besonnenen Männern beraten worden wäre. Aber Herr von Berg hat völügversagt. Erst war er für Bülow, dann gegen ihn, weil Bülow mit Scheide-mann zusammen arbeiten wolle, und Berg empfahl die Diktatur, dannwieder gab er die verfassungsmäßigen Bechte der Krone kampflos preis,und schließlich unternahm er einen dilettantischen Versuch, das unwieder-bringlich Verlorene wiederzugewinnen. Das Schicksal des Stuartkönigs, indas ich mich einstmals zu dichterischer Gestaltung hebevoll versenkt habe,trat vor meine Seele. Nur daß sich zu dem Kampfe zwischen dem englischenParlament und Karl dem Ersten heute die furchtbare Tatsache gesellt, daßwir den Weltkrieg verloren haben. Der Umschwung in Deutschland ist sokatastrophenhaft, daß die Leute mit wenigen Ausnahmen den Kopf ver-loren haben. Zu den Ausnahmen rechne ich den alten Grafen AugustEulenburg, der in Haltung und Urteil die Buhe bewahrt hat. Hätte er statt