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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER INNERE ZUSAMMENBRUCH

Berg den Monarchen beraten, so wäre wahrscheinlich das Allerschlimmstevermieden worden. Ich möchte aber auch an dieser Stelle keinen Zweifeldarüber aufkommen lassen, daß ich ein beherzter Anhänger des parlamen-tarischen Systems bin und bleibe. Was ich jedoch beklage und worin ichdie eigentüche Gefahr erblicke, ist der revolutionäre Charakter, unter demsich die Einführung vollzogen hat. Morgen wird nun der neue Reichskanzlervon der vollzogenen Tatsache, daß wir an Wilson ein Friedensangebot ge-richtet haben, dem deutschen Volke und der Welt voraussichtlieh Kenntnisgeben, und morgen abend wird sich auf das deutsche Volk die schwere dunkleWolke nationaler Trauer senken. Hier und dort, wo man das Ende mitSchrecken dem Schrecken ohne Ende vorzog, mag eine vorübergehendeEntspannung eintreten. Aber sehr bald wird der Schrei nach den Schuldigenertönen. Und die wahre Gefahr droht erst, wenn die Tapferen aus denSchützengräben in die Heimat zurückfluten und nach Wohnung, Arbeit undBrot suchen. Auf diesen Zeitpunkt müssen schon jetzt alle Besonnenen ihrAugenmerk richten, um den inneren Zusammenbruch zu verhüten. Vordem Mut des Prinzen Max von Baden verbeuge ich mich, nur muß er sichvon nervösen Beratern freimachen, die, wie Konrad Haußmann, rot wieeine reife Tomate, durch die Wilhelmstraße und durch die Wandelhalle desReichstags rasen und toben. Ohnehin glaube ich nicht an eine langeRegierung des Prinzen Max. Aber ich erwarte in voller Erkenntnis dergegenwärtigen und kommenden Gefahren, daß sich das neue Deutschland in Jahrzehnte langer Arbeit zu neuer Kraft und Größe entfalten wird. Vielhängt von den deutschen Friedensunterhändlern ab. Ich denke dabei andas Frankreich von 1814 und 1815 und an die Ergebnisse des WienerKongresses. Aber komme schließlich, was mag: Mehr als vier Jahre habenwir unsere Festung gegen alle Anstürme und gegen erdrückende Übermachttapfer und ehrenvoll verteidigt Si fractus illabatur orbis, impavidumferient ruinae. In namenlosem patriotischem Schmerz bin ich in treuerGesinnung Euer Durchlaucht ergebener Heckscher."

Ich habe seit dem Tode meiner einzigen Schwester, die, ein kleiner Engel,im Januar 1870, kaum zwölf Jahre alt, von dem himmlischen Gärtner insein Paradies verpflanzt wurde, und vor dem Heimgang meiner über allesgeliebten Frau keine Träne vergossen. Als ich den Brief des AbgeordnetenHeckscher zu Ende gelesen hatte, wurde ich von einem Weinkrampf be-fallen. Es war nicht nur die Gewißheit unserer Niederlage, die micherschütterte, die bevorstehende Kapitulation nach vierjährigem helden-mütigem Kampf, nach solchen Leistungen der tapfersten, der schönstenArmee der Welt, das Erliegen der Armee von Fehrbellin und Leuthen, vonLeipzig und Waterloo, von Sadowa und Sedan. Es war noch mehr die blitz-schnell in mir aufsteigende Erkenntnis, daß der Tag gekommen sei, wo die