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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DEUTSCHLAND WIRD KAPITULIEREN

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Befürchtungen sich erfüllen würden, die mich seit neun Jahren beherrschten,die Ahnung, daß der Tag gekommen sei, da die heilige Ilios hinsinkt. Ichkannte unsere Gegner, die Bachsucht, die Machtgier, die sadistischeGrausamkeit der Franzosen , französischer Generäle und französischerAdvokaten, die kalte Härte der Engländer. Die im Laufe der letzten Wochenaus Washington ergangenen Kundgebungen ließen mich klar erkennen, daßPräsident Wilson den europäischen Verhältnissen und Verwicklungen mitder Naivität und Leichtgläubigkeit des ahnungslosen Huronen in VoltairesunsterblichemIngenu" gegenüberstehen würde. Ich kannte den deut-schen Parteigeist, die Kleinlichkeit und Selbstsucht, die Erbärmlichkeitunserer Fraktionen, die geringe politische Einsicht des Durchschnitts-deutschen, die Schwäche des deutschen Nationalgefühls zu wohl, um an denWiderstand zu glauben, den ein Teil der demokratischen deutschen Pressefür den Tag in Aussicht stellte, wo die deutsche Demokratie die Zügelergreifen würde.

Unter dem Eindruck des Augenblicks schrieb ich am 7. Oktober HerrnHeckscher einen langen Brief, bei dessen nachfolgender Wiedergabe ich Antwortmanches fortlasse, was sich auf die Kritik der deutschen Politik während Bülowsder letzten Jahre bezog, so berechtigt diese Kritik an und für sich auch war.

Seit vorgestern hegt auf meinem Schreibtisch Ihr Brief, der mir dieerschütternde Nachricht brachte, daß Deutschland kapitulieren werde. Siekennen mich zu gut, als daß ich Ihnen die Gefühle zu schildern brauche, diediese Nachricht in mir hervorgerufen hat. Wollte Gott , daß ich diesen Tagnicht erlebt hätte und abberufen worden wäre, als Deutschland noch seinegroße Stellung in der Welt behauptete. Als mir im Juli dieses Jahres voninformierter Seite gesagt wurde, die Oberste Heeresleitung wünsche dieHerbeiführung des Friedens, entgegnete ich, daß in diesem Falle alles daraufankäme, mit diplomatischer Geschicklichkeit eine Verständigung zuerreichen, solange unsere militärische Lage nach außen nochaussichtsvoll erscheine. Was ist inzwischen in dieser Bichtung ge-schehen? Oberste Begierungsstellen haben eine Beihe sich untereinanderwidersprechender Beden gehalten, und wenn diplomatische Schritte undSondierungen erfolgten, so blieben sie im Sande stecken. Warum hat manunser Volk nicht rechtzeitig auf den in Bulgarien bevorstehenden Erd-rutsch vorbereitet und so der durch dieses Ereignis beförderten Panikvorgebeugt? Vor Wochen und Wochen habe ich gehört, König Ferdinandergehe sich in Bedewendungen, die mindestens darauf hindeuten, daß ersich schwerlich auf dem Thron werde halten können, wenn er am Bündnismit uns festhalte. Wer einigermaßen im Orient Bescheid wußte, konntenicht im Zweifel darüber sein, daß schon der Bücktritt von Badoslawowund seine Ersetzung durch Malinow ein ernstes Warnungszeichen war. Was