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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER SCHWERE WEG

mich am schmerzlichsten berührt, ist die Mutlosigkeit, die an vielen Stellenhervortritt, und die allgemeine Kopflosigkeit. Sind wir denn wirklich soweit, daß wir die Flinte ins Korn werfen müssen? Haben die Franzosennicht mutig weitergefochten, als sie Niederlage über Niederlage erlittenund wir Paris bedrohten? Haben unsere Feinde denn schon das UnkeRheinufer, Elsaß-Lothringen und Baden besetzt, hegen Aachen undKoblenz, Freiburg und Mannheim in Trümmern, wird der Kölner Dom beschossen? Das entspräche doch ungefähr der Lage, in der sich dieFranzosen während vier Jahren befanden. Hat nicht selbst das kleine, beiJena besiegte Preußen weitergefochten? Hat nicht Courbiere, als er vonden Franzosen zur Übergabe von Graudenz aufgefordert wurde mit derBegründung, daß es keinen König von Preußen mehr gäbe, geantwortet,dann sei er König von Graudenz ? Wo bleiben die Manen von Arndt undTheodor Körner , von Stein und Schleiermacher ? Hatte der amerikanischeBotschafter Gerard recht, wenn er in seinem bösen Buch ,Face to Facewith Kaiserism' vor einem Jahr schrieb: ,The nerve of Germany will break.There is a suicide point in the German character'?

Wenn die militärische Lage jetzt plötzlich eine so verzweifelte ge-worden ist, so mußte doch der Wechsel in unserer Haltung nach außenweniger jäh erfolgen. Die Bildung der neuen Regierung scheint mir zweck-entsprechend. Besser noch wäre es gewesen, wenn am 4. August 1914,nachdem der Kaiser das Wort gesprochen hatte, er kenne keine Parteienmehr, nur noch Deutsche, eine Koalitionsregierung wie in Frankreich ,England, Belgien und später in Italien gebildet worden wäre, die unsdurch den ganzen Krieg geführt hätte. Sie wissen, daß ich vom erstenTage an der Meinung war, daß ein Krieg wie dieser nur mit vollerUnterstützung durch die breiten Massen, also vor allem der organisiertenArbeiter, unter Berufung der sozialdemokratischen Führer in die Re-gierung geführt werden könne. Gibt uns die Demokratie die Führer, wiesie Frankreich vor achtundvierzig Jahren in Gambetta und jetzt inClemenceau gefunden hat, so bin ich der erste, der sie segnet, wenn sie derNation die Fahne vorantragen. Uber die Aufnahme, die unsere Friedens-demarche finden wird, will ich nicht prophezeien. Am intransigentestenwerden die Franzosen sein, denen die Straßburger Kathedrale und derMetzer Dom in greifbare Nähe gerückt erscheinen und denen unsere vier-jährige Okkupation auf den Nägeln brennt. Je mehr ich über die Lage nach-denke, je größer wird meine Bewunderung für unser Volk, seine Leistungs-fähigkeit und Aufopferungswilligkeit, dieses Volks, daß wir um so mehrheben müssen, je schwerer jetzt sein Weg ist. Und um so brennender seiunser Wunsch, daß ihm einst lichtere Tage und ein besserer Ausblick in dieZukunft beschieden sein mögen."