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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER ROMAN EINER DESZENDENZ

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immer Zeit genug, sie auswendig zu lernen. Die tadellos aufgesagte Rede,die sich in allgemeinen liberalen Wendungen bewegte, erregte stets denfreundlichen Beifall, den diese harmlose Art von Beredsamkeit seit jeherin Deutschland findet. Man denke an Herrn Willy Helpach , der sich nachdem Ableben des biederen Fritz Ebert 1925 schon als Reichspräsidentträumte. Während des Weltkrieges hatte sich Prinz Max von Baden derdeutschen Internierten in der Schweiz angenommen und dabei im Verkehrmit den Schweizer Behörden wie mit den Internierten aller kriegführendenMächte hebenswürdiges Wesen und sicheren Takt an den Tag gelegt. Ichglaube noch heute, daß Prinz Max als Führer der Waffenstillstands-kommission im Herbst 1918, wenn ihm ein tüchtiger Generalstäbler undein gewandter Beamter des auswärtigen Dienstes beigegeben worden wäre,seine Sache ganz gut gemacht hätte. Zum Unterhändler mit fremdenDiplomaten, Ministern und Generälen eignete er sich weit besser als dieunabhängigen Deutschen", die freiwillig nach Versailles fuhren, wo sieeine klägliche Rolle spielten, oder gar als Matthias Erzberger , den wir inden Wald von Compiegne schickten.

Prinz Max hatte ein vornehmes Auftreten, die besten Formen. Erbeherrschte gleich gut Englisch und Französisch. Sohn des uraltenZähringer Hauses und Gatte einer Tochter des noch älteren weifischenHauses, war er gleichzeitig mit dem englischen, dem russischen und demdänischen Hofe nahe verwandt. Durch seine Mutter, eine Leuchtenberg-Romanowsky, war er ein Urenkel des Kaisers Nikolaus I. Er stammte abernicht nur von dem großen Autokraten ab, sondern auch vom VicomteAlexandre Beauharnais , der nach dem Ausbruch der FranzösischenRevolution sich ihr anschloß, zum Befehlshaber der Rheinarmee ernanntund, weil er Mainz nicht halten konnte, im Monat Thermidor 1794, wenigeTage vor Robespierre , guillotiniert wurde. Wie erstaunt wäre der jungeGeneral Beauharnais gewesen, wenn ihm, während er in dem verhängnis-vollen Karren zur Guillotine gefahren wurde, eine Seherin erschienen wäre,die priesterliche Jungfrau der Brukterer im heutigen Westfalen, die Velleda ,oder ein Seher, wie der Teiresias der griechischen Sage, und ihm verkündethätte:Deine hübsche Witwe Josephine wird Kaiserin der Franzosenwerden, dein kleiner Sohn Eugen Vizekönig von Italien und Schwiegersohndes ersten Königs von Bayern ; dessen Sohn, dein Enkel, wird die ältesteTochter eines russischen Zaren heiraten. Deine kleine Tochter Hortensewird Königin der Niederlande werden und Mutter des dritten französischenKaisers, der von einem deutschen Kaiser bei Sedan gefangengenommenwerden wird. Deine Nachkommen werden auf den Thronen von Schweden ,Norwegen, Dänemark, von Brasilien und sogar von Anhalt-Dessau, Kothenund Bernburg sitzen. Deine kleine Nichte Stefanie wird Großherzogin von