XXIII. KAPITEL
Sieg der Revolution in Berlin • Abreise des Prinzen Max nach Baden • Die Spartakus-Unruhen • Ebert und Noske • Erlebnisse im Hotel Adlon • Gräfin Treuberg , Dr. Stampfer,Dr. Breitscheid • Rückkehr der Truppen von der Front • Die Waffenstillstands-Verhand-lungen in Compiegne , Erzbergers Geschäftsbehandlung als Vorsitzender der Wa-Ko.Der Diktat- und Schandfriede von Versailles • Die deutsche Akten-Publikation
Am 9. November erlebte ich in Berlin den Ausbruch der Revolution.Ach, sie zeigte sich nicht als die herrliche Göttin, die Ferdinand Lassalle Derin seinen ehrgeizigen Träumen sah, mit wehendem Lockenhaar, eherne 9. NovemberSandalen an den Füßen. Sie glich mehr einer alten Vettel mit kahlem Kopf, in Berlin triefenden Augen und zahnlosem Mund, schiefgetretenen Pantoffeln an denplumpen Füßen. Die deutsche Revolution war durch und durch spieß-bürgerlich, es fehlte ihr jede Wärme, jedes Feuer, sie war ganz vulgär.Sie freute sich nicht am Schein, sie achtete nicht den Schwung. Sie brachtekeinen Danton hervor, wie er auf dem Pariser Boulevard in Erz gebildetsteht, mit geballter Faust, neben dem Sockel links ein Sansculotte mit ge-fälltem Bajonett, rechts ein Tambour, der für die Levee en masse dieSturmtrommel schlägt. Sie brachte keinen Gambetta hervor, der den Kriegä outrance proklamiert und Widerstand und Krieg um fünf Monate ver-längert, nicht einmal einen Delescluse, der freiwillig auf der Barrikade fällt.Ich habe in meinem Leben nichts Roheres und dabei Gemeineres gesehenals die Leiterwagen und Tanks, die, angefüllt mit betrunkenen Matrosenund aus den Ersatzbataillonen desertierten Soldaten, am 9. Novemberdurch die Berliner Straßen zogen. Ich hatte an jenem Nachmittag vonmeinem Eckfenster im Hotel Adlon einen weiten Überblick über denPariser Platz und über die Linden. Ich habe nie etwas Ekelhafteres, etwasEmpörenderes und dabei Feigeres gesehen als die halbwüchsigen Burschen,die, geziert mit den roten Schleifen der Sozialdemokratie, sich von hintenzu mehreren an Offiziere heranschlichen, an Offiziere, die das Eiserne Kreuz und den Pour le merite trugen, sie an den Ellbogen packten, um sie wehrloszu machen, und ihnen dann die Achselstücke abrissen. Als der junge Haupt-mann Bonaparte am 10. August 1792 dem Sturm auf die Tuilerien zusah,sagte er bekanntlich: „Avec un bataillon on balayerait toute cettecanaüle." Es unterhegt keinem Zweifel, daß am 9. November 1918 in Berlin
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