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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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TELEPHONATE

mit einigen Sturm- und Kampfbataillonen dasselbe möglich war. SolcheBataillone hätten sich aus den in Berlin befindlichen Offizieren und Unter-offizieren, unter denen man auf eine solche Order mit Ungeduld wartete,leicht büden lassen. Wenn gleichzeitig Maschinengewehre am Branden-burger Tor, auf dem Schloßplatz und auf dem Alexanderplatz aufgestelltwurden und einige Tanks mit Scharfschützen die Stadt durchfuhren, wäredie Berliner Kanaille rasch auseinandergestoben. Nur mußte natürlich nichtnur die Erlaubnis, sondern der ausdrückliche Befehl zum Scharfschießengegeben werden, wozu sich der Prinz Max nicht aufraffen konnte, nichtzuletzt aus der Besorgnis, sich dadurch in seinem Heimatland als Thron-folger unmöglich zu machen.

Während der Pöbel sich der Herrschaft über die Berliner Straßen be-Ebert Reichs- mächtigte, war längere Zeit zwischen Berlin und Spa hin und her tele-kanzler phoniert worden. In Berlin stand der Geheimrat Wahnschaffe, in Spa derLegationsrat von Grünau am Apparat. Wahnschaffe, ein an sich tüchtigerBeamter, hatte unter dem enervierenden Einfluß des Prinzen Max völligden Kopf verloren. Grünau hatte überhaupt keinen Kopf zu verlieren. Erwar ein junger Diplomat ohne jede politische Erfahrung noch Schulung,gänzlich unvertraut mit den staatsrechtlichen Problemen, die zur Ent-scheidung standen. Der morganatischen Ehe eines Prinzen von Löwensteinmit einer Gouvernante entsprossen, stand er zum Karlsruher Hof in näherenBeziehungen und war deshalb vom Prinzen Max als Mann seines Vertrauensdem Kaiser nach Spa beigegeben worden. Es war ein tragisches Verhängnis,daß dem König von Preußen in der ernstesten Stunde der preußischen Mon-archie als einziger politischer Berater ein junger Mann zur Seite stand, dersich zu allem eignen mochte, nur nicht zum Eckart der glorreichen, hartbedrängten preußischen Krone. Als Ergebnis der aufgeregten Telephonatezwischen Grünau und Wahnschaffe ließ Prinz Max an den Plakatsäulenund Straßenecken Berlins eine amtliche Mitteilung anschlagen, die derBevölkerung der Hauptstadt die Abdankung des Kaisers und Königsverkündete, obwohl, wie später festgestellt wurde, Wilhelm II. nurauf die kaiserliche Würde, nicht aber auf die preußische Krone hatteVerzicht leisten wollen. Das war Entstellung oder hysterische Kopf-losigkeit. Es entsprach dieser jammervollen Geistesverfassung des letztenvom Kaiser ernannten Reichskanzlers, daß Prinz Max, ohne Rücksprachemit seinen Kollegen oder mit den militärischen Instanzen zu nehmen,die seit vierundzwanzig Stunden auf den Befehl zum Eingreifen warteten,brieflich dem Vorsitzenden der sozialdemokratischen Fraktion, HerrnFritz Ebert , die Geschäfte des Deutschen Reichs übertrug und es dersozialdemokratischen Partei Überheß, die Neuordnung der Dinge in dieHand zu nehmen.