DIE NEUE REPUBLIK
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Ebert deklarierte zunächst sich und einige führende Elemente derBerliner revolutionären Bewegung zu Volksbeauftragten und nahm sodann Noske,die Zügel in die Hand. Die Energie, mit der er und besonders Noske in Scheidemann diesen Tagen die sehr dreist gewordenen Spartakisten niederzuhaltenwußten, hätte dem Prinzen Max zum Vorbild dienen können. Prinz Maxselber fuhr, unbekümmert um die Entwicklung der Dinge in Berlin , nachBaden, dessen dynastische Interessen für ihn wichtiger waren als die Ge-schicke des Reichs. Wen immer auch Wilhelm II. sich in den verhängnis-vollen Oktobertagen 1918 zum Kanzler genommen hätte, einen Ceneral,einen Diplomaten, einen Mann der inneren Verwaltung, einen Parlamen-tarier: keiner hätte im Augenbück der höchsten Gefahr derart seinenpersönlichen Egoismus, seine Familien-Interessen über alle anderen Er-wägungen gestellt wie dieser prinzliche Neurastheniker. Prinz Max hatsich getäuscht, wenn er glaubte, seine und seines Hauses Sache durch seinenWeggang zu retten. Er lebt als Privatmann am Bodensee . Bezeichnendfür die Geistesverfassung der neuen Machthaber war auf der anderen Seite,daß der bisherige Staatssekretär Scheidemann , als er am Nachmittagdes 9. November von der Freitreppe des Deutschen Reichstags aus dieRepublik proklamierte, seine Kundgebung mit den albernen und dabei un-wahren Worten einleitete: „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Liniegesiegt." Das war eine grausame Selbsttäuschung. Leider hatte das deutscheVolk gar nicht gesiegt, sondern es war gegenüber der Überzahl seinerFeinde, bei unfähiger politischer Leitung durch den Hunger und durch denDolchstoß von hinten besiegt worden.
Die ersten Tage der neuen deutschen Republik boten auch für den-jenigen, der ihr ohne vorgefaßte Meinung und nur mit dem Gedankengegenüberstand, dem Vaterland möge das Ärgste erspart bleiben, das Bildvölliger Verwirrung, einer fast kindischen Unfähigkeit. Die neue Regierungwurde derart gebildet, daß neben Mitgliedern der Mehrheitssozialdemo-kratie ebenso viele Anhänger der Unabhängigen SozialdemokratischenPartei in den Rat der Volksbeauftragten berufen wurden, also je zwei Man-datare, je zwei Minister. Das war noch nie und nirgends dagewesen, seit-dem das alte Rom, freilich sehr verschieden von dem neuen Deutschland ,zwei Consules, zwei Quaestores, gekannt hatte. Über dem Rat derVolksbeauftragten stand als Inhaber der eigentlichen Regierungsgewalt der„Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte". In der modernen Kunst(oder vielmehr Unkunst) machte sich eine Zeitlang der sogenannte „Dada-ismus " breit, d. h. die Rückkehr zur Ausdrucksform der Säuglinge. DieKindheit der deutschen Republik war ein politischer Dadaismus. Estauchten Gestalten auf wie der „Leichenmüller", ein Demagoge durch unddurch, so genannt, weil er erklärt hatte, nur über seine Leiche würde der
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