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Weg zu Reichstagswahlen gehen. Natürlich erfreut sich Herr Müller heutenoch des besten Wohlseins, obwohl inzwischen mehrfach zum Reichstaggewählt worden ist. Der Unke Flügel der Sozialdemokraten wollte denReichstag abschaffen und ihn durch Arbeiter- und Soldatenräte ersetzen,was, nebenbei gesagt, nicht einmal ein eigener, wenn auch noch so miserablerGedanke war, sondern eine servile Nachahmung der bolschewistischenRegierungsweise. Nachdem durch Bethmann dem Weltkrieg in seinem Be-ginn unter dem Beifall aller Gedankenlosen die Spitze gegen das zaristischeRußland gegeben worden war, endete er mit einer Nachäffung der von denBolschewisten in Rußland propagierten, selbst für ein Herdenvolk wie dasrussische kaum geeigneten Regierungsform.
Auch in Preußen wurden zunächst für jedes Ressort zwei MinisterDas Regime gestellt, ein Mehrheits- und ein Unabhängiger Soziaüst, ein S.P.D. und einin Preußen U.S.P.D. An die Spitze des Kultusministeriums traten der Mehrheits-sozialist Konrad Hänisch und der Unabhängige Adolf Hoffmann . Dererstere hatte seinen Aufstieg als Ritter der Rosa Luxemburg begonnen,6ich dann gemausert und allmählich zum gemäßigten Sozialisten entwickelt.Als solchen habe ich ihn kennengelernt. Er schien kein böser Mensch zusein, vielmehr jovial und gemütlich, wie dies alte Bohemiens zu sein pflegen,freilich ohne feinere, geschweige denn tiefere Kultur, der Typus einesHalbgebildeten. Sein politischer Zwillingsbruder, der Berliner KneipwirtAdolf Hoffmann, war wenigstens, was bei Schiller die Gräfin Terzkyvon Wallenstein fordert, ein eigener Charakter, der übereinstimmt mitsich selbst, das heißt in diesem Fall, daß er auch in parlamentarischerRede „mir" und „mich" verwechselte. Er wurde, nachdem seineMinisterlaufbahn ein baldiges Ende gefunden hatte, der Wortführerder Revolution im Berliner Rathause. Sein Ton hat auf die Verhand-lungen dieser Körperschaft auf Jahre hinaus ansteckend gewirkt. DieStadtverordneten überboten sich in rohen Beschimpfungen, die bis zu tät-lichen Angriffen gingen, unter wüstem Gröhlen von der Zuschauertribüne,begleitet von Stinkbomben und anderen geistigen Waffen der jimgenRepublik. Dieses edle Paar Hoffmann und Hänisch sollte die geistlichen,Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten Preußens betreuen, deneneinundzwanzig Jahre lang, von 1817 bis 1838, der Freiherr von Altensteinvorgestanden hatte, der sich hier unvergängliche Verdienste um unsereUniversitäten, Gymnasien und den Volksunterricht erwarb, das Kultus-ministerium, zu dem, und damit für die geistige Wiedergeburt Preußens,Wilhelm von Humboldt als Leiter der geistlichen und Unterrichtsangelegen-heiten im Ministerium des Innern den Grund gelegt hatte, das Kultus-ministerium, das Falk und Bosse, Gustav von Goßler, Graf Robert Zedlitz undStudt geleitet hatten. In der innerlichen Abneigung der Sozialdemokratie