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KUGELN
Adlon weilten, unmittelbar nach der Revolution, drang eines Abends,während ich, einer Einladung zu einem Herrendiner folgend, nicht zu Hausewar, ein angeblicher „Kommissar der Republik" in unseren Salon ein undrichtete an meine Frau die Frage, ob bei uns Offiziere versteckt wären, obich meine Militäruniform mitgebracht hätte oder ob ich gar Waffen bei mirführe. Als meine Frau höflich erwiderte, daß ihr von derartigen, für dieSicherheit der Republik bedrohlichen Anschlägen und Rüstungen nichtsbekannt wäre, entfernte sich der „Kommissar" mit einer verlegenen Ent-schuldigung. Ein anderes Mal sprang, als wir durch einen langen Korridorgingen, aus einer Lifttür ein nach seinem Aussehen kaum siebzehnjährigerBursche heraus, in jeder Hand einen Revolver. Als meine Frau ihn frug,was ihn veranlasse, die Feuerwaffe auf sie zu richten, erwiderte er mit kind-lichem Ausdruck: „Ach, entschuldigen Sie, gnädige Frau, aber wir sind alleso schrecklich aufgeregt. Wir sollen doch die Republik verteidigen, da mußman einen Revolver haben, aber wir wollen Ihnen nichts Böses tun. WennSie wünschen, werden wir Sie gern auf Ihrem Spaziergang als Schutzwachebegleiten." Ich lehnte diese republikanische Ehrengarde mit freundlichemDank ab.
Als wir eines Tages von den Linden in die Wilhelmstraße einbogen, inder ich als Staatssekretär und als Reichskanzler zwölf Jahre gewirkt hatte,wo mein Vater als Staatssekretär Bismarck zur Seite gestanden war, woBismarck, der große Kanzler, gewaltet hatte, pfiffen Kugeln. Einige fegtendie Straße entlang, andere schlugen in die Höfe und an die Wände derHäuser. Ich glaubte mich in die schönen Tage des siegreichen Kriegs gegenFrankreich versetzt. Ich führte meine Frau unter einen Hauseingang.Während wir dort standen, fuhr ein Automobil an uns heran, und derChauffeur, der mich erkannt hatte, frug, wohin er mich fahren dürfe. Ichdankte ihm und bat ihn, uns im Hotel Adlon abzusetzen. Als wir dort, nacheinem Umweg durch die Leipziger und Bellevuestraße, eintrafen, entfernteer, als ich ausstieg, eine kleine rote Fahne, die er neben sich auf dem Bockaufgepflanzt hatte. Mit der so sympathischen Gutherzigkeit des echtenBerliners meinte er, er habe mich nicht um Erlaubnis gebeten, das roteZeichen aufzustecken, da er vorausgesehen hätte, daß ich das nicht ge-statten würde. Er habe es aber doch getan, damit meiner Frau nichtspassiere.
Als der Besitzer des Hotels Adlon mich bat, unser Appartement zuräumen, da er bei der Möglichkeit von Straßenkämpfen auf dem PariserPlatz für seine kostbaren Fensterscheiben fürchte und die Fensterlädengeschlossen halten müsse, hielt ich es für besser, ein anderes QuartierHotel aufzusuchen. Seit langem war mir das in der Nähe des Tiergartens schönEden gelegene Hotel Eden bekannt, das ein Sohn meines alten Regimentskame-