BEGEGNUNGEN
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raden, des bei der Schilderung meiner Kriegserlebnisse von mir erwähntenbiedern Scharfenberg, ein begabter Architekt, erbaut hatte. Ich hattewährend meiner Amtszeit das Hotel mehrmals besichtigt, da es dem Staatfür das Landwirtschaftsrninisterium und für das Oberpräsidium der Pro-vinz Brandenburg angeboten worden war. Der Besitzer war gern erbötig,uns ein geeignetes, nach vorn mit schöner Aussicht auf den Tiergarten ge-legenes Appartement einzuräumen, konnte es aber erst nach einigen Tagenfreibekommen und bat uns, inzwischen eine von ihm in der Nähe des HotelsEden besorgte kleinere Wohnung in einer Pension der Kurfürstenstraße zubeziehen. Dort begegnete ich einer Dame, über die viel und meist unfreund-lich gesprochen worden ist, die aber, wie mir scheint, besser ist als ihr Ruf.Die Gräfin HettaTreuberg war die Tochter wohlhabender, fein gebildeterisraelitischer Eltern, die sie in jungen Jahren mit einem bayrischen Offiziervermählt hatten, der im Kriege wacker seinen Mann stand, aber nichtgerade geschaffen war, einer Frau von höheren geistigen Ansprüchen himm-lische Rosen ins irdische Leben zu flechten. In den Sprüchen Salomonisheißt es: „Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn, wer ihn aberlieb hat, der züchtiget ihn bald." Es steht aber nirgends geschrieben, daßFrauen gegenüber diese Erziehungsmethode erlaubt oder gar empfehlens-wert sei. Es war begreiflich, daß eine so üble Behandlung von Seiten einesAristokraten die Gattin in das rote Lager getrieben hatte. Sie trug ihrekommunistischen Ansichten mit Feuereifer zur Schau und wurde deshalbim letzten Jahr des Weltkrieges, unter dem alten System, in einem pom-merschen Städtchen interniert. Aber auch das republikanische Regime hatunter Ebert und Bauer die Ärmste schließlich aus Berlin ausgewiesen. Siewar emsig bemüht, uns den Aufenthalt in der Kurf iirstenstraße angenehm zumachen. Sie wünschte namentlich, mir einige ihrer linksstehenden Freundevorzuführen. Ich lernte auf diese Weise den Redakteur des „Vorwärts"Herrn Stampfer kennen und den später oft genannten Abgeordneten Breit-scheid. In dem Erstgenannten fand ich einen Mann von feinem Verstandund guten Formen. Dr. Breitscheid, der übrigens mit vollendeter Höflich-keit und nicht ohne Geist diskutierte, schien mir einen Typus zu repräsen-tieren, der in romanischen Ländern häufiger ist als bei uns: den Radikalen,der sehr avancierte Meinungen zur Schau trägt, aber nur so lange, bis einMinisterposten in greifbare Nähe rückt. Als das uns im Hotel Eden in Aus-sicht gestellte Appartement frei wurde, übersiedelten wir von der Kur-fürstenstraße nach dem Kurfürstendamm . Einige Tage nach unserer An-kunft erblickte ich im Korridor Uniformen und erfuhr, daß der Stab derGardekavallerie-Division nach dem Hotel Eden verlegt worden wäre. Amnächsten Morgen wurde uns erzählt,' daß in der Nacht Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg dem Militärgericht der Gardekavallerie-Division