FOLGE EINER TISCHREDE
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ihren Heroismus fortleben in dem Herzen jedes Deutsehen, der diesenNamen verdient. Die Franzosen haben 1871 das stolze und schöne Wortvom „glorieux vaincu" geprägt. Selbst dieser Begriff ist den im Bannkreisder Sozialdemokratie stehenden Massen fremd. Sie halten sich teilnahmlos,wenn nicht innerlich abgeneigt zur Seite, wenn in den Kreisen der Ver-bände ehemaliger ruhmreicher Regimenter der Versuch gemacht wird,militärisches Ehrgefühl, gerechten Stolz und gesunden Patriotismus zu be-leben. Vorerst sind nur in Bayern , wo auf die bolschewistische Welle eineheilsame Reaktion einsetzte, nationale Gedächtnisfeiern mit erfreulichmilitärischem Einschlag möglich gewesen. Das besiegte Frankreich ließ inder ersten Hälfte der siebziger Jahre im Tuileriengarten das schöne Denk-mal von Mercie errichten, das eine kräftige Frau in elsässischer Tracht dar-stellt, die mit dem Gewehr in der Hand dem Feind die Stirn bietet, währendzu ihren Füßen der Sohn zusammengebrochen ist. Das ist stolz und starkund schön. Greulich dagegen und erbärmlich das Monument, durch das sichFrankfurt verunzierte, einst die Krönungsstadt der römischen Kaiser deut-scher Nation: Ein unförmliches Weib, das nur aus Gesäß zu bestehenscheint, kauert am Boden, als ob sie noch ein paar Fußtritte erwartete.
Bei großen Krisen im Leben der Völker tritt der Wert oder Unwert deseinzelnen deutlicher und schärfer in Erscheinung als im ruhigen Gleichmaß Loebellder Tage. Als nicht lange nach dem Umsturz das übliche Diner des Branden - enthobenburgischen Provinziallandtages stattfand, gedachte in seiner Tischrede derOberpräsident von Loebell als aufrechter Mann wie in jedem Jahr der Ver-dienste der Hohenzollern um die Mark Brandenburg, um Preußen und umDeutschland . Das neue Regime gab sich die lächerliche Blöße, Herrnvon Loebell seines Postens zu entheben, den dieser, einer unserer tüch-tigsten Verwaltungsbeamten, zur allgemeinen Zufriedenheit ausfüllte. Alsob eine solche Maßregelung Jahrhunderte des Ruhms, der Größe und derWohlfahrt auslöschen könnte! Anders als Herr von Loebell, der sich nie derbesonderen Gunst des Kaisers Wilhelm II. erfreut hatte, verhielt sich Adolfvon Harnack , der Liebling und Adorant Seiner Majestät. Noch kurz vordem Umsturz hatte ich ein soeben erschienenes, mir von Harnack über-sandtes Buch gelesen, das eine Reihe von Vorträgen enthielt, die deutscheHochschullehrer gegen die falsche Beurteilung der inneren deutschen Ver-hältnisse durch den amerikanischen Präsidenten Wilson gehalten hatten.Die von Harnack verfaßte Einleitung des in ausgesprochen nationalem undkönigstreuem Geiste gehaltenen Buches war ein Hymnus auf das Haus derHohenzollern , von dem uns, wie Seine Exzellenz sich ausdrückte, keineMacht der Erde scheiden könne. Aber der „weltgewandte Gottesmann",wie ihn mit treffendem Witz der „Kladderadatsch" einst genannt hatte,konnte auch anders. Wenige Tage nach dem Umsturz erschien der älteste