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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DER WAFFENSTILLSTAND

Sohn des Panegyrikers der Hohenzollern bei mir, um mir das Bedauernseines Vaters auszudrücken, daß er mich nicht besuchen könne. Er müssevorerst in seiner Eigenschaft als Generaldirektor der nun nicht mehr könig-lichen, sondern Staats-Bibliothek seinen beiden neuen Chefs, Ihren Exzel-lenzen Herrn Konrad Haenisch und Herrn Adolf Hoffmann , seine Auf-wartung machen.Papa", fügte der junge Mann erläuternd hinzu,stelltsich auf den Boden der Tatsachen, und ich selbst bin zu den Sozialdemo-kraten gegangen." Mit dem früher zur Schau getragenen Boyalismushat übrigens Professor Adolph Harnack nicht gleichzeitig die Exzellenzabgelegt, die er der Gnade Seiner Majestät verdankte.

Die Geburtsstunde der deutschen Bepublik fällt zeitlich zusammen mitErzberger in dem Waffenstillstand von Compiegne, der am 11. November 1918 ge-CompUgne schlössen wurde, der die ersten Ketten der Bedrückung um uns legte undder dem Schandfrieden von Versailles den Weg bereitet hat. Erzberger , deiim Kreise der neuen Machthaber als ein Mann galt, der auf Grund der viel-fachen Auslandsreisen, die er während des Krieges als Geschäftsführerund ohne Auftrag unternommen hatte, Erfahrung in auswärtiger Politikbesäße, war nach Compiegne mit der Wahnidee gefahren, dort im Anschlußan den militärischen Teil der Verhandlungen über einen Präliminarfriedenverhandeln zu können. Er hatte die Idee des Präliminarfriedens wie die desVölkerbundes auch literarisch propagiert. Er war überzeugt, seine im Aus-land kaum beachteten Broschüren müßten der Gegenseite die Augen dar-über öffnen, was ihr fromme. Ein entmilitarisiertes, demokratisches,republikanisches Deutschland war nach seinem und seiner Kollegen undFreunde Glauben ein allen willkommenes Mitglied des Völkerbundes, warallseitiger Sympathien und allgemeiner Hilfe zum Wiederaufbau sicher.Sein naiver Optimismus, seine vollständige Unkenntnis der Verhältnissedes Auslandes und der Mentalität unserer Feinde sahen sich grausam ent-täuscht. Der Marschall Foch eröffnete die Verhandlungen, indem er demdeutschen Unterhändler durch einen Generalstabsoffizier ein umfang-reiches Konvolut in doppelter Ausfertigung übergeben ließ, auf das HerrErzberger sich bis abends sechs Uhr zu äußern hätte. Die Stunden warenkärglich bemessen, selbst für einen Unterhändler, der des Französischenvollkommen mächtig und daher imstande gewesen wäre, den Text für sichzu lesen und dann mit seinen Herren zu besprechen. In diesem Punktefehlte es leider bei dem armen Matthias Erzberger an aller und jeder Grund-lage. Er, der kein Wort Französisch verstand, der nicht imstande war, einkurzes Entrefilet desTemps " zu lesen, stand völlig ratlos vor diesen kom-plizierten Texten. Das gesamte Material ist später veröffentlicht worden,und es ist ein erschütternder Gedanke, daß in jenen Unglückstagen einMann sich zu den Propositionen der Entente zu äußern hatte, der erst die