DIE WAHRHEIT!
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seinerzeit die Antwort wiedergegeben, die mir im Dezember 1900 bei einerzufälligen Begegnung außerhalb des Reichstags, im Berliner Tiergarten,Hasse erteilte, als ich ihn, auf dem Höhepunkt des Südafrikanischen Krieges,darauf hinwies, wie sehr er durch seine direktions- und taktlose Agitationfür die Buren meine Bemühungen erschwere, zwischen dem deutschen unddem englischen Volke aufrichtig-freundschaftliche Beziehungen herzu-stellen. Er habe, meinte der biedere Hasse, wie das Recht so die Pflicht, denGefühlen des deutschen Volkes Ausdruck zu geben, an mir, dem Minister,sei es, dafür zu sorgen, daß unsere diplomatischen Beziehungen zu England dadurch nicht geschädigt würden. Als ich viele Jahre später HerrnDr. Friedrich Thimme auseinandersetzte, daß durch die allzu weit gehendeGründlichkeit und Ehrlichkeit seiner Publikationen unseren ohnehin nachunserer Niederlage unter schwierigen Verhältnissen tätigen Ausland-vertretern ihre Arbeit erheblich erschwert würde, erwiderte mir der gleich-falls biedere Mann: „Durchlaucht, die Wahrheit! Die Wahrheit! DerDiplomat mag sich von opportunistischen Erwägungen leiten lassen. DerStaatsmann mag der wirklicken oder vermeintlichen Staatsräson folgen.Der Historiker hat nur ein einziges Ziel: Die Wahrheit. Ihr allein diene ich,was auch danach kommt." Er sprach das Wort „Wahrheit" mit starkemNachdruck aus, ore rotundo: „Die Wooorheit!" Als ich den trefflichen Mannfreundlich darauf aufmerksam machte, daß weder Frankreich noch England noch Italien alle ihre Archive in diesem Umfange geöffnet hätten, meinte erstolz: „Dann stehen eben diese Länder moralisch tief unter uns, auch wennsie die Sieger sind." Und von seiner moralischen Höhe bückte er stolz aufmich wie einst Herr Hasse.
Der Wert der nach unserem Zusammenbruch in Deutschland ver-öffentlichten retrospektiven historischen Betrachtungen steht nicht auf derHöhe ihrer Zahl. Wer aus dem Rathaus herauskommt, pflegt ja klüger zusein als vorher. Es ist leichter für den Historiker, den Gang der hinter ihmhegenden Ereignisse zu kritisieren, als es für den Staatsmann ist, dieEreignisse richtig zu benutzen und zu meistern. Wenn unsere Historikerwirklick so klug und geschickt wären, wie sie sich in ihren Betrachtungenvor dem Publikum hinstellen, so könnten wir ja gar nichts Besseres tun,als ihnen von jetzt an die Leitung unserer auswärtigen Politik und dieFührung unserer Verhandlungen mit den anderen Mächten zu übertragen.Würden sie es besser gemacht haben, als es in Genf, in Locarno und inGenua unsere damaligen Vertreter, als es Marx und Luther, als es Rathenau und namentlich Gustav Stresemann gemacht haben ? Ich glaube gern, daßdie meisten dieser Herren nicht solche Fehler begangen haben würden, wiesie im tragischen Hochsommer 1914 Bethmann und Konsorten leider Gottessich zu schulden kommen ließen. Dazu gehörte nur ein bißchen normaler