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DIE AKTEN-PUBLIKATION
frage durch eine Akten-Publikation zu fördern, die alle politischen Schrift-stücke des Auswärtigen Amtes von der Gründung des Reichs bis zumAusbruch des Weltkrieges umfassen soll und die jetzt ihrem Ende entgegen-zugehen scheint. Ausgenommen die russischen Bolschewisten, denen es nurdarauf ankam, die alte politische und soziale Weltordnung zugunsten dervon ihnen angestrebten kommunistischen Weltherrschaft zu diskreditieren,hat keine andere Großmacht je daran gedacht, ihre Archive zu öffnen. Wardiese mit so rührendem Eifer vorgenommene deutsche Publikation richtig ?Genützt hat sie uns jedenfalls nicht. Der Haß der Franzosen gegen uns, derum so größer ist, je mehr sie unsere latente Kraft fürchten, die kalte, nurdurch die Rücksicht auf das eigene Wohlbefinden inspirierte politischeSelbstsucht Englands , die traditionelle und unüberwindliche Feindschaftder Polen gegen deutsches Wesen und deutsche Macht sind dadurch nichtentwaffnet worden. Die Indiskretion, mit der bei dieser Akten-Pubükationvertrauliche Äußerungen fremder Diplomaten und Minister der Öffentlich-keit preisgegeben wurden, die Unvorsichtigkeit, mit der in unseren Aktenenthaltene kritische Äußerungen über ausländische Institutionen, Sittenund Notabilitäten in die Öffentlichkeit geworfen wurden, wird alle fremdenDiplomaten und Staatsmänner veranlassen, sich künftig in ihren Ge-sprächen mit deutschen Vertretern der äußersten Vorsicht zu befleißigen.Jeder diplomatische Verkehr beruht, wie Bismarck uns oft eingeschärft hat,auf Vertrauen zur Diskretion des andern. Wo dieses Vertrauen fehlt, ist einsolcher Verkehr von vornherein unfruchtbar.
Gewiß bestätigt die Akten-Publikation die Tatsache, daß Fürst Bismarck und alle seine Nachfolger seit dem Frankfurter Frieden unentwegt undehrlich den Frieden gewollt haben. Es wird ihnen das aber von unserenFeinden in keiner Weise als Verdienst angerechnet. Die Franzosen habeneine gute Bezeichnung für den Spieler, der, wenn er gewonnen hat, sicherhebt und nicht weiterspielt. Sie nennen das: Faire Charlemagne. Das willungefähr dasselbe sagen wie die volkstümliche Berliner Redewendung:Kalte Füße kriegen. Daß wir unsere gewaltigen Gewinne von 1864, 1866und 1870/71 nicht wieder aufs Spiel setzen wollten, fand jedermann imAusland klug und vom deutschen Standpunkt aus durchaus begreiflichund richtig. Aber niemand sah darin einen Beweis besonderer Tugend. Maninteressiert sich in der Welt überhaupt nicht besonders für unsere Politikvor 1914. Aber man wünscht zu wissen, warum wir im unheilvollen Hoch-sommer 1914 so operiert haben, wie wir leider operierten. Die beidenpolitisch naivsten Menschen, die mir in meinem langen Leben vor-gekommen sind, waren, dies nebenbei gesagt, der Präsident des AlldeutschenVerbandes, Professor Ernst Hasse , und der Herausgeber der DiplomatischenAkten des Auswärtigen Amtes, Herr Dr. Friedrich Thimme. Ich habe