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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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DIE LIQUIDATION

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größte Schmerz seines Lebens gewesen, aber er verzweifle nicht an derZukunft des Landes. Im Laufe der Beratungen hatte General Chanzy, derOberkommandant der Loire-Armee unter Gambetta , gegen den Friedenprotestiert. Die Nationalversammlung lauschte seinen Worten mit Be-wegung, mit Sympathie, mit tiefer Achtung. Und doch hatte Chanzy nichtentfernt Erfolge aufzuweisen wie viele unserer Generäle im Weltkriege, wieKluck und Below, der Feldmarschall Mackensen und der FeldmarschallBülow, wie Eichhorn und Woyrsch, wie Scholz und Litzmann , wie derdeutsche Kronprinz und der Kronprinz von Bayern , wie der FeldmarschallLeopold von Bayern , wie noch manche andere, wie vor allem Hindenburgund Ludendorff. Der Ruhm von Chanzy , von Faidherbe, von Jaureguiberry,vor allem von Leon Gambetta beruhte und beruht darauf, daß sie biszuletzt, envers et contre tout et tous, den Krieg fortsetzen wollten. Darumließ das siegreiche Frankreich das Herz von Gambetta, dessen Leib in Nizza beigesetzt worden war, in das Pariser Pantheon überführen. Es ist das die

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Gesinnung, in welcher einst der römische Senat dem von Hannibal beiCannae geschlagenen Konsul C. Terentius Varro entgegenzog und ihmdankte, daß er nicht am Vaterlande verzweifelt hätte.

Bei uns machte sich nach unserer Niederlage ein anderer Geist breit.Das WortKriegsverlängerer" wurde zum Schimpfwort, während es in Die AufnahmeFrankreich wie im alten Rom ein Ehrentitel war. Die Stimmung, in der ""es Versaillerdie damals bei uns leitenden Männer die Erkenntnis der Niederlage auf- Diktatsnahmen, war wesentüch anders, weniger mutig, weniger geschlossen,weniger patriotisch. Mit Schmerz und Beschämung gedenkt der Deutsche der Haltung der Nationalversammlung in Weimar bei der Annahme desVersailler Diktats. Kein Mitglied der Versammlung, insbesondere kein Mit-glied der drei regierenden Parteien, geschweige denn der Regierung, fandeine Rede, einen Gedanken, auch nur ein Wort, das der Tragik des Augen-blicks entsprochen hätte, um in schwärzester Nacht der Hoffnung Ausdruckzu geben, daß auch für das unglückliche Deutschland bessere Tage, Tagefrüheren Glücks und früherer Größe zurückkehren würden. Im Gegenteil!In den Kreisen der Mehrheitsparteien fehlte sogar nicht ein gewisses Gefühldes Aufatmens. Für manchen war der Friede und sein Abschluß vor allemdie Liquidation des alten Systems, des monarchischen, militärischen,Bismarckschen, des großen und ruhmvollen Deutschlands , eine Liquidation,welche die zur Ohnmacht verurteilten nationalen Kreise mit Schmerzerfüllen mochte, wegen der zu trauern aber in dem einer neuen, gemüt-licheren Zukunft entgegengehenden, demokratischen Deutschland für siekein Anlaß wäre. Wie mit einem Scheinwerfer wird die Stimmung, welchegewisse Köpfe beherrschte, durch die Verse beleuchtet, die der damalsmächtigste Politiker im neuen Deutschland , der eigentliche Führer des

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