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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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WEIMAR UND BORDEAUX

in Rechnung gestellt. Sie hatten nicht begriffen, daß unsere Bereitwilligkeit,immer und überall nachzugeben, die Dreistigkeit der einen, den syste-matischen Vernichtungswillen der anderen unserer Feinde nur verstärkenkonnte. Dieser Geist hat dazu beigetragen, daß dem deutschen Volk auchnach dem Friedensschluß immer wieder neue schwere und schmerzlicheOpfer auferlegt wurden, daß Deutschland durch eine Leidenszeit hindurch-gehen mußte, wie sie ähnlich nie ein Volk erlebt hat und deren Höhepunktder Ruhreinbruch von 1923 mit allen seinen in der Geschichte der Neuzeitunerhörten Greueln und Gewalttätigkeiten darstellt. Wenn der in Poincareund Foch verkörperte Vernichtungs- und Eroberungswille der Franzosen sich am zähen Widerstand und am treuen Durchhalten aller politischenund wirtschaftlichen Kreise des Ruhrgebietes und der Rheinlande gebrochenhat, wenn die Umtriebe des Separatisten-Gesindels nicht die von Paris angestrebte Absplitterung der Rheinlande vom Deutschen Reich fördernkonnte, so gebührt das Verdienst daran dem gesunden Sinn der Bevölkerung,die ohne Unterschied der Partei, in unsäglichen Leiden, sich gegen denfremden Eindringling gewehrt und rohen, brutalen französischen Generälenvom Typus de Metz und Mangin die Durchführung ihrer Aufgabe unmögüchgemacht hat. Der Geist,in dem die Rheinlande und das Ruhrgebiet ihrenAbwehrkampf gegen die fremde Besatzung geführt haben, ist nicht derPseudogcist von Weimar . Es ist alte deutsche Sinnesart.

Mit Neid blicke ich auf die Verhandlungen der französischen National-Französische Versammlung in Bordeaux , die im Frühjahr 1871 der Annahme desund deutsche Frankfurter Friedensvertrages vorausgingen. In prächtigen Worten ver-National- Mündete der größte Dichter Frankreichs, Victor Hugo , seinen unerschütter-mlu g jj Cflen Qi auDen an ,jj e Zukunft seines Landes.Ja, der Tag wird kommen",rief er der Versammlung zu,wo Frankreich sich wieder erheben wird. Miteinem gewaltigen Sprung wird es Straßburg und Metz wiedererobern.Nur diese beiden Städte ? Nein, es wird seine Hand auf Köln und Mainz ,Koblenz und Trier legen." Als ein Teil der Kammer den Dichter mit demRuf unterbrach, Frankreich fordere nur, was wirklich zu Frankreich gehöre,entgegnete Victor Hugo: Warum setzen Sie meinem PatriotismusSchranken!" Und als Thiers, der große Geschichtschreiber, große Staats-mann und große Patriot, während er die Friedensbedingungen verlas, inTränen ausbrach, erhob sich die ganze Kammer und verneigte sichschweigend vor ihm. In dem wundervollen Schluß seiner Rede betonteThiers wie Victor Hugo seinen unerschütterlichen Glauben an Frankreich ,dessen große Vergangenheit, dessen Nationalstolz und Nationalgefühl,dessen feurige Vaterlandshebe und dessen bewunderungswürdige innereEinheit, l'admirable unite de la France, ihm eine Wiederauferstehungsicherten. Seinen Namen unter diesen Vertrag setzen zu müssen, sei der