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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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STATT DER EVOLUTION DIE REVOLUTION

zu weit. In seiner Redlichkeit, aber auch in seiner Unbeholfenheit und seinerWeltfremdheit erinnerte ihn der deutsche Parlamentarier an die beidenTypen des politisierenden Deutschlands , an den Professor und an denKreisrichter, die Bismarck vom ersten bis zum letzten Tage seines politischenLebenä so wenig schätzte. Fürst Bismarck war der größte aller Junker, aberer war ein Junker, ein märkischer Junker. Er war Edelmann vom Scheitelbis zur Sohle, er war Offizier bis in die Fingerspitzen, preußischer Offizier.Es war ein Unglück, daß Wilhelm II. sich nach der Entlassung desDie Fehler Fürsten Bismarck nicht entschlossen hat, von nun an sich selbst zurück-Wilhelms II. zuhalten, dagegen unsere politischen Zustände im liberalen und parlamen-tarischen Geiste auszubauen. Statt dessen wiegte sich der junge Kaiser indem Wahn, daß er imstande sein 'würde, sein eigener Kanzler zu sein und inDeutschland und vor der Welt die Rolle zu übernehmen, die Bismarck achtundzwanzig Jahre mit echtem Genie und wahrer Größe gespielthatte. Es war auch ein Unglück, daß Wilhelm II. meine Absicht, nachden siegreichen Reichstagswahlen von 1907 allmählich und vorsichtig,aber stetig durch eine Reform des preußischen Wahlrechts, durch dieErnennung von Parlamentariern zu Staatssekretären und Ministern einparlamentarischeres Regierungssystem zu ermöglichen und anzubahnen,das Haupt unserer Mutter Germania mit einem reichlicheren Tropfendemokratischen Öls zu salben, nicht verstand und, als ihm eine Ahnungaufdämmerte, wohin ich ihn und das Land führen wollte, sich gegen michwandte und mit meiner Entlassimg die von mir ins Auge gefaßte, ziel-bewußte Evolution verhinderte. Statt der Evolution haben wir die Revo-lution bekommen. Der Weltkrieg, zu dem es die Unfähigkeit Bethmannsund seiner .Mitarbeiter kommen ließ, endete, politisch jämmerlich geführt,mit der Revolution, die uns nach außen mehr isolierte, als wir es je frühergewesen waren, die uns im Innern desorganisierte und aus dem einst bestverwalteten Lande in Europa ein schlecht verwaltetes machte. Und dochsollen und müssen wir auch in schwerster Zeit und in schwarzen Tagenmit dem größten der Apostel, mit Paulus , sagen:Wir haben allent-halben Trübsal, aber wir ängstigen uns nicht; uns ist bange, aber wir ver-zagen nicht!"

Blicken wir auf andere Völker: Es ist gerade hundert Jahre her, daß derösterreichische Staatskanzler Fürst Clemens Metternich , der damals nicktnur Österreich, sondern in gewissem Sinne Europa regierte, der Cocher dePEurope, wie man ihn nannte, feierlich erklärte, Italien sei kein Staat, es seiauch keine Nation, es sei nur ein geographischer Begriff. Heute hegt diehabsburgische Monarchie zerschmettert am Boden. Italien ist eine Groß-macht und hat alle seine li-.alen Aspirationen verwirklicht. Frankreich wurde vor einem halben Jahrhundert von uns besiegt, sein Kaiser gefangen.