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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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WILHELM I. UND SEIN ENKEL

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Gefühl als mit dem Verstand, durch und durch Royalist, preußischerRoyalist. Er hatte als junger Mensch noch vor König Friedrich Wilhelm III.gestanden, hatte viel über ihn gehört, den nüchternen, einsilbigen, pflicht-treuen, vorsichtigen Regenten, der im Infinitiv sprach, aber keine Dumm-heiten sagte, der nach Jena und Tilsit nicht verzweifelte und nach Leipzig und Waterloo nicht übermütig wurde. Bismarck war Friedrich Wilhelm IV. nähergetreten, der phantastisch und unstet war, auch nicht ganz zuverlässig,aber ein Mann von edlem Herzen und tiefer Bildung. Bismarck hat sichoft, allzu oft, mit dem Kronprinzen, dem nachmaligen Kaiser Friedrich ,gestritten. Aber er wußte, noch mehr als er dies zeigte, dessen ritterüchesWesen, dessen Lauterkeit und Herzensgüte, dessen vollkommene Furcht-losigkeit zu schätzen. Fürst Bismarck hatte vor allem in fast dreißig-jährigem Zusammenarbeiten mit Wilhelm I. einen Fürsten , einen König aufHerz und Nieren geprüft, der wie kaum ein anderer echte Vornehmheit mitinnerer Bescheidenheit, strenges Pflichtgefühl mit zarter Güte verband, dernie indiskret, nie taktlos war, der nie vergaß, daß er der Köüig war, und derseine Stellung doch nie mißbrauchte, der nie undankbar war und nie rach-süchtig, dessen heldenmütige Tapferkeit, dessen hochgespanntes nationalesEhrgefühl und dessen treue arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste desVaterlandes und dessen Liebe zum Vaterland Fürst Bismarck wenigeStunden nach dem Hinscheiden des alten Kaisers mit Recht vor demReichstag in einem unsterbbchen Nachruf rühmte. Den Enkel dieseswahrhaft großen Kaisers, den Kaiser Wilhelm II., kannte Fürst Bismarck im Grunde nur ziemlich oberflächlich. Er fand sich nicht zurecht mit diesemeigenartigen Regenten, er konnte sich nicht hineindenken in diesenpreußischen König, der von seinem Vater nicht viel, der von seinem Groß-vater gar nichts, von seinem Urgroßvater auch nichts, der von seiner Muttermanches, der dafür zu viel, allzu viel von seinem Großonkel, dem HerzogErnst II. von Koburg, geerbt hatte. Die Charakteristik, die der großeKanzler im dritten Band seinerGedanken und Erinnerungen " vonWilhelm II. entwirft, zeigt, daß er, den ein Altersunterschied von vierund-vierzig Jahren von diesem trennte, in dessen komplizierte Psyche nicht ein-gedrungen ist. Eine Unreife, wie sie ihm bei Wilhelm II. begegnete, hatte ernicht für möglich gehalten. Auf diesen König und Kaiser war Bismarck nicht gefaßt, als er die Fundamente des neuen Deutschen Reiches legte. Aberselbst wenn Bismarck , in Vorahnung des dritten deutschen Kaisers, diekaiserliche Stellung weniger überragend gestaltet hätte, so würde es ihmdoch recht sauer geworden sein, dem Parlament, einem deutschen Parlament,größere Rechte einzuräumen, der Demokratie, der deutschen Demokratie,weiter entgegenzukommen. Seine Geringschätzung für den deutschenParlamentarier war in mancher Hinsicht nicht unverdient, aber sie ging