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DER ERSTE REICHSTAG
Als daher das deutsche Volk zur Wahl der Nationalversammlung undDie neuen später zur Wahl des ersten neuen Reichstags schritt, fehlte es an politischMänner geschulten Köpfen, die aus eigener Erfahrung die Technik der Staats-verwaltung, die Handhabung des staatlichen Machtapparates, die Führungder Staatsgeschäfte kannten. Die Politiker, die dem ersten Werden desneuen Deutschlands das Gepräge gegeben haben, waren durchweg Neulinge,die mit täppischen Händen in die große Maschine des Staats eingriffen. Siewaren bis dahin gewöhnt gewesen, die Fragen des staatlichen Lebens nurvom Standpunkt unfruchtbarer Kritik oder skrupelloser Opposition zubehandeln. Der Staatsgedanke, die Salus publica, kam für diese Hominesnovi erst nach dem Parteiinteresse, erst nach den Gesichtspunkten, in derenBeachtung sie in der Schule des Parteilebens gedrillt worden waren. DerÜbergang zur Macht war für sie zu unvermittelt gekommen. Da das Be-wußtsein der Würde des Staates in ihnen nicht lebendig war, fehlte es ihremAuftreten nach außen, fehlte es zum Teil ihrer inneren Gesinnung an Würde.Sprechender Beweis ist hierfür die schwarz-rot-goldene Fahne, die in Weimar dem deutschen Volke in einer Stunde moralischer Erschöpfung aufgedrängtworden ist. Das alte Reichsbanner, dessen Farben ein halbes Jahrhundertin Ehren in der ganzen Welt sich hatten zeigen können, die Fahne Schwarz-Weiß-Rot, die respektgebietend auf allen Meeren geflattert hatte, wurdedem „Geist von Weimar" geopfert, ohne Verständnis für die Kläglichkeitdes Schauspiels, das Deutschland bot, als es das Wahrzeichen seines Glanzesund seines Ruhms in würdeloser Selbstzerknirschung zerriß. Der Eindruck,den die Kabinette der ersten Jahre der deutschen Republik auch auf unsfreundlich gesinnte Kreise des Auslandes, insbesondere jene neutralerLänder machten, war kläglich. Bei aller Korrektheit, mit der sich mir ausfrüherer Zeit befreundete fremde Diplomaten ausdrückten, mußte ich zumeinem Schmerz aus ihren Äußerungen heraushören, daß man im uns gutgesinnten Ausland nicht begriff, wie Deutschland derart arm an Politikernsein könne, die mit Würde die Interessen ihres Landes zu vertreten ver-stünden, und wie wohlzufrieden man mit diesem Zustand in Paris und inLondon war.
Wenn ich auf Gründung und Ausgang des ruhmvollen Deutschen ReichesBismarck Bismarckscher Prägung zurückblicke, so drängt sich mir die Frage auf, obund das d er größte deutsche Staatsmann nicht zu viel Macht im preußischenParlament Xönigstum und damit im deutschen Kaisertum konzentriert, ob er nichtandererseits dem Parlament zu wenig Einfluß eingeräumt hat. Wie meist,so hat auch in dieser entscheidenden Frage Bismarck sich ein Urteil auseigener Erfahrung, nach eigener Anschauung gebildet. Durch seine Geburt,durch seinen Lebensgang, durch die Tradition seines Geschlechts wie durchdie Umgebung, in der er aufwuchs, war er, vielleicht, noch mehr mit dem