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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
Entstehung
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DER ANKERGRDND

Mannes fielen in meine Knabenjahre die Schatten schmerzlicher Ohnmacht,in der Deutschland damals daniederlag, fiel in meine Jünglingszeit derGlanz, den Bismarcks gewaltige Gestalt über das neue Deutschland ausgoß.Meine geistige und politische Entwicklung, von meinem Vater mit Ernstund Umsicht gefördert, hat sich in bewunderndem Erleben des herrlichenAufstiegs vollzogen, den Bismarck im Jahre 1864 für Deutschland einleitete.Das amtliche Wirken meines Vaters hatte im kleinen Kreise begonnen undihn zum Ende auf einen Posten geführt, dem unter dem alles erspähendenAuge des großen Kanzlers die Geltendmachung der auswärtigen Interessendes jungen Reiches anvertraut war. Die Erweiterung, die die politischenHorizonte meines Vaters, die seine amtliche Tätigkeit erfuhren, war Handin Hand mit der Vorbereitung der Einigung der Nation, mit der Entstehungdes Reichs, mit der Befestigung und dem Ausbau seiner internationalenStellung gegangen. Ich hatte gewissermaßen im Mikrokosmus des elterlichenHauses das Werden des Makrokosmus, das Entstehen des neuen großenDeutschlands aus nächster Nähe miterlebt, hatte seine Bedeutung im Maßder fortschreitenden Tage stärker und stärker empfunden. Der Ruhm derArmee, die Größe der Nation, der Glanz der Dynastie, die Zukunft desReichs waren die Ideale, in deren Pflege ich aufwuchs. Sie haben den Anker-grund meiner Jugendentwicklung gebildet. Sie haben dem Streben desreifenden Mannes Antrieb und Richtung gegeben, sie haben das Handelnmeiner zwölf Minister- und Kanzlerjahre bestimmt. Wessen Werden in derruhmvollen Vergangenheit Deutschlands wurzelt, wessen Leben und Wirkeneng mit der Epoche der Macht und des Glanzes verkettet ist, die Deutsch-land bis zum Zusammenbruch erlebt hat, der kann beanspruchen, nichtlediglich als einseitiger Laudator temporis acti zu gelten, wenn ihm dieGröße des Erlebten durch den Jammer der Gegenwart verdunkelt erscheint,wenn ihm das Deutschland der Väter preiswürdiger dünkt als das der Söhne,wenn ihm der Schild des Ruhmes, den das Deutsche Reich von ehedem vorsich hertrug, leuchtender erscheint als die nachlässig gegürtete Toga, in dieunsere Demokratie das neue Deutschland gehüllt hat.

Ich bin gegen die Fehler des alten Regimes nicht blind gewesen. Sielagen teilweise, wie ich wiederholt und ausführlieh dargelegt habe, imSystem, teilweise, wie ich nicht unterlassen habe an geeigneter Stelle hervor-zuheben, in den Personen. Die monarchische Staatsform war an sich fürdas deutsche Volk durchaus geeignet und passend. Ihre Schwäche trat erstunter Wilhelm II. hervor. Nach langen Jahren rastloser Bemühungen umdie Hochhaltung des Standes der Armee, um Ausbau und Entwicklung derMarine, um Hebung von Kunst und Wissenschaft, um Förderung derdeutschen wirtschaftlichen Interessen, um Belebung und Stärkung desnationalen Geistes im deutschen Volk ist Kaiser Wilhelm II. durch den