DER MORGEN DER REPUBLIK
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Ausbruch des Weltkrieges mit zwei Männern an seiner Seite überraschtworden, deren einer, Moltke , sich selbst als der Stellung des General-stabschefs im Kriegsfalle nicht gewachsen erklärt hatte und deren anderer,Bethmann, seine Unfähigkeit zur Lösung einer internationalen Krise zumVerderb des Reichs nur zu deutlich geoffenbart hat. Beide waren Männerseiner eigenen, durch Erwägungen der Staatsräson in keiner Weise ein-geengten Wahl. Beide haben, jeder an seinem Teil, das deutsche Volk insUnglück gestürzt. Michaelis und Hertling, einer wie der andere von Wil-helm II. in eigener Verantwortung ausgesucht, haben die Katastrophebeschleunigt, Prinz Max hat sie besiegelt. Was Hindenburg und Ludendorff erfochten, was die Armeen erstritten, das ließen ungenützt, ja vergeudetendie unfähigen Staatsmänner, die der Kaiser einem großen und mündigenVolke hatte aufzwingen können.
Es ist andererseits selbstverständlich, daß ich die Unfähigkeit und mehrnoch die nationale Würdelosigkeit, die in den Tagen des Niederbruchs inden führenden Kreisen des neuen Deutschlands zutage getreten ist, mitnicht minder ernstem und strengem Maß gemessen habe wie die unheil-vollen Folgen, welche die Uberspannung des Herrscherbegriffs durchWilhelm II. für das Deutsche Reich gezeitigt hat. Die Art, in der dieDemokratie, in der Weimarer Koalition zusammengeschlossen, sich in denersten Zeiten ihres Machtrausches gebärdet hat, mußte mit Schärfe ver-urteilt werden. Die Güter, die als Heiligtum zu hüten auch einem unter-legenen Volke wohlansteht, hat sie über Bord geworfen. Der Sinn für diestolze Größe unserer Vergangenheit ist von ihr systematisch unterdrückt,die Pflege der Tugenden, die allein uns eine bessere Zukunft verbürgenkönnen, die Hochhaltung der Tapferkeit, der opferwilligen Vaterlandsliebesind von ihr vernachlässigt worden. Die Gier nach Ämtern und Pensionen,die bei dem ersten halben Dutzend von Regierungsbildungen sich bemerkbarmachte, die Brutalität, mit der die Selbstsucht der Fraktionen sich in denVordergrund des öffentlichen Lebens schob, die üblen Korruptionsaffären,die den Morgen der Republik begleiteten und befleckten, mußten abstoßendwirken. Es entspricht dem Gebot ausgleichender Gerechtigkeit, wenn diebeschämenden Seiten des politischen Lebens im neuen republikanischenDeutschland mit Nachdruck gemißbilligt worden sind.
Mit Genugtuung habe ich, der ich ein aufmerksamer Beobachter derZeitereignisse geblieben bin, mit vielen Ausländern im Verkehr stehe undheute noch Tag für Tag die Presse aller Richtungen und aller Länderverfolge, die leisen Zeichen beginnender Besserung wahrgenommen, die inDeutschland auf dem Gebiet des Staatslebens und in der Volkswirtschaftzu beobachten sind. Im Innern treten die Gewässer des Novemberumsturzesallmählich zurück. Der Horizont der auswärtigen Politik scheint sich