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3 (1931) Weltkrieg und Zusammenbruch
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BÜLOWS AMTSVORGÄNGER

an ihn gerichtet hatte: nicht durch übertriebenen und einseitigen Bau vonGroßkampfschiffen unser Verhältnis zu England einer allzu schwerenBelastungsprobe auszusetzen. Non propter vitam vivendi perdere causas!Daß Tirpitz meinem Wunsch, mit England zu einem Agreement zugelangen, ausweichend und zögernd gegenüberstand, war auch darauf zurück-zuführen, daß er sich bei diesem Widerstand der vollen Unterstützung desKaisers sicher wußte. Abgesehen davon, daß Wilhelm II. die politischenNachteile eines forcierten Baus von Großkampfschiffen nicht übersah,benutzte er, seitdem er sich innerlich von mir abgewandt hatte, gern jedeGelegenheit, sich mir unangenehm zu machen.

Mein Amtsvorgänger als Staatssekretär des Äußern, der Freiherr vonMarschall Marschall, schrieb mir zu meinem Bücktritt: ,, Es drängt mich, Ihnenmit einem schlichten Wort zu sagen, wie sehr ich einerseits die Gründewürdige, welche Ihnen ein weiteres Verbleiben in Ihren Ämtern unmöglicherscheinen lassen, und wie tief ich auf der anderen Seite im Interesse unseresgroßen Vaterlandes Eurer Durchlaucht Bücktritt bedauere. Obwohl ichnach meinen politischen Gesinnungen der Konservativen Partei, der icheinst im Beichstag angehört habe, nahestehe, so bin ich mir doch darübervollkommen klar, daß die innerdeutsche Pohtik weder von dem Gesichts-winkel der Konservativen Partei noch von demjenigen eines Bundes der-selben mit dem Zentrum auf die Dauer ersprießlich geleitet werden könneund daß besonders Gesetze einschneidender wirtschaftlicher und sozial-politischer Bedeutung wie die Beichsfinanzreform eine aktive Teilnahmedes liberalen Bürgertums gebieterisch erheischen. Möge der BücktrittEurer Durchlaucht die Erkenntnis, daß es so ist, auch in diejenigen politi-schen Kreise hineintragen, welche für denselben die Verantwortung tragen.Nur wenn dies geschieht, wird unser inneres Volksleben vor schweren Er-schütterungen bewahrt bleiben. Bei diesem Anlaß ist es mir Herzenssache,Eurer Durchlaucht für die freundlichen und wohlwollenden Gesinnungen,die Sie mir stets entgegengebracht haben, meinen tiefgefühltesten Dankmit der Versicherung auszusprechen, daß die Erinnerung an die Jahre, indenen es mir vergönnt war, unter Ihrer Leitung an den großen Aufgaben,welche das Vaterland stellt, mitzuarbeiten, mir stets teuer sein wird. EuerDurchlaucht blicken auf lange Jahre treuer, mühevoller und auf allenGebieten erfolgreicher Arbeit zurück. Von Herzen wünsche ich, daß dasOtium cum dignitate, welches Ihnen die politischen Verhältnisse vorläufigauflegen, Ihnen die wohlverdiente Buhe bringen wird."

Graf Eberhard Solms, mein Vorgänger als Botschafter in Born, der inGraf Solms der Bismarckschen Zeit als jüngerer Diplomat in Wien , später als Bot-schaftsrat in Paris in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre einen tieferenEinblick in die Weltverhältnisse gewonnen und dem Lande gute Dienste